Wrigley Prophylaxe Preis 2015 – Crystal Meth ruiniert auch die Zahngesundheit

Wie wirkt sich die Szenedroge Crystal Meth auf die Zahn-, Mund- und Kiefergesundheit aus? Das Münchner Autorenteam um Dr. Dr. Niklas Rommel hat dies erstmals untersucht und wurde dafür mit dem insgesamt mit 12.000 Euro dotierten 21. Wrigley Prophylaxe Preis ausgezeichnet.

Wrigley Prophylaxe Preis-Verleihung 2015 (von links): Prof. Klaus König (Jury, Nijmegen/ Niederlande), Prof. Werner Geurtsen (Jury, Hannover), Dr. Jürgen Zitzen (Sonderpreis, Mönchengladbach), Elke Damann (Jury, Barmer GEK, Wuppertal), Prof. Edgar Schäfer (Jury, Münster), Dr. Marie-Theres Weber (2. Platz, Dresden), Laurence Étienne (Wrigley), Jens Christmann (Wrigley), Andrea Keller (Ehrung, Grünhain-Beierfeld), Prof. Joachim Klimek (Jury, Gießen), Dr. Dr. Niklas Rommel (1. Platz, München), Prof. Hendrik Meyer-Lückel (Jury, Aachen), Prof. Marco Kesting (1. Platz, München), Dr. Andreas Struve (Sonderpreis, Wuppertal) (Foto: Wrigley Oral Healthcare Program/Thomas Mumbächer)

Wrigley Prophylaxe Preis-Verleihung 2015 (von links): Prof. Klaus König (Jury, Nijmegen/ Niederlande), Prof. Werner Geurtsen (Jury, Hannover), Dr. Jürgen Zitzen (Sonderpreis, Mönchengladbach), Elke Damann (Jury, Barmer GEK, Wuppertal), Prof. Edgar Schäfer (Jury, Münster), Dr. Marie-Theres Weber (2. Platz, Dresden), Laurence Étienne (Wrigley), Jens Christmann (Wrigley), Andrea Keller (Ehrung, Grünhain-Beierfeld), Prof. Joachim Klimek (Jury, Gießen), Dr. Dr. Niklas Rommel (1. Platz, München), Prof. Hendrik Meyer-Lückel (Jury, Aachen), Prof. Marco Kesting (1. Platz, München), Dr. Andreas Struve (Sonderpreis, Wuppertal)
(Foto: Wrigley Oral Healthcare Program/Thomas Mumbächer)

Den zweiten Platz belegt eine Untersuchung aus Dresden zum erosionsprotektiven Potenzial von Pflanzenextrakten. Den Sonderpreis teilen sich ein Prophylaxeprojekt für Grundschulkinder in Wuppertal und eine Kooperationsinitiative zwischen Zahn- sowie Kinder- und Jugendärzten in Mönchengladbach. Die Preisverleihung fand am 13. November statt.

Die Gewinner des ersten Platzes sichern sich 6.000 Euro Gewinnerprämie. Die Vergleichsstudie an 200 Patienten mit und ohne Drogenkonsum liefert erstmals umfangreiche Daten zum Zahnschädigungspotenzial von Crystal Meth: Die abhängigen Patienten hatten signifikant häufiger Karies, Gingivitis, Parodontitis und Zahnhartsubstanzverluste, eine schlechtere Mundhygiene, eine reduzierte Speichelfließrate und -pufferkapazität. Hauptursache ist wahrscheinlich der sympathomimetische Effekt der Substanz mit resultierender Mundtrockenheit und Zähneknirschen. Brennpunkt sind vor allem die Grenzregionen zu Tschechien, da die dortige liberale Drogengesetzgebung seit 2010 zu einem massiven Anstieg des Konsums auch bei deutschen Jugendlichen geführt hat.

Mit ihrer Entscheidung für die Gewinnerarbeit macht die Jury auf eine bislang wenig bekannte Folge des Drogenkonsums aufmerksam: „Crystal Meth hat nicht nur ein extrem hohes Abhängigkeitspotenzial, sondern ruiniert auch die Zahngesundheit. Die prämierte Studie liefert erstmals eine solide Basis für die Entwicklung von Präventions- und Therapiekonzepten“, begründet Prof. Dr. Edgar Schäfer, Universität Münster, die diesjährige Preisvergabe. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung ist neu im Kreis der Jury und konstatiert: „Das Problem Crystal Meth lässt sich nur in den Griff bekommen, wenn alle Disziplinen an einem Strang ziehen. Hier sind auch die Zahnärzte gefragt“.

Der Wrigley Prophylaxe Preis
Der Wrigley Prophylaxe Preis zeichnet seit 22 Jahren herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Kariesprophylaxe aus. Er fördert erfolgreiche Präventionsinitiativen, rückt aber auch Probleme mit dringendem Handlungsbedarf in den Fokus der Öffentlichkeit. Sowohl der Preis als auch die Stifterorganisation Wrigley Oral Healthcare Program genießen in der Dentalbranche einen exzellenten Ruf.

Erosionspräventives Potenzial von Pflanzenextrakten

Der zweite Platz ging mit 4.000 Euro an die Arbeitsgruppe um Dr. Marie-Theres Weber, Dresden. Sie zeigte, dass Johannisbeerkraut- und Oreganoextrakte vor erosiven Prozessen schützen können. Offenbar festigen pflanzliche Polyphenole die schützende Pellikel auf der Zahnoberfläche und reduzieren die Säurepermeabilität. Das Ergebnis der kontrollierten Studie an zwölf Probanden nach Verwendung von Pflanzenextrakten oder Fluorid: Unter dem Einfluss der Pflanzenextrakte war die Pellikel dicker und schützte effektiver vor Erosionen – vergleichbar wie Fluoride oder besser. Die Studienergebnisse lassen vermuten, dass Extrakte aus Johannisbeerkraut und Oregano die Wirkung der Fluoride ergänzen. Beide Extrakte sind als Mundgesundheitspräparate in Apotheken und Drogerien erhältlich. Für eindeutige Aussagen bedarf es jedoch weiterer Forschung, so die Autoren.

Sonderpreis für Prophylaxeprojekt in der Grundschule

Zudem verlieh die Jury zum zweiten Mal den mit 2.000 Euro dotierten Sonderpreis „Niedergelassene Praxis und gesellschaftliches Engagement“. Diesen Preis teilen sich zwei engagierte Prophylaxeprojekte mit jeweils 1.000 Euro. Der Wuppertaler Zahnarzt Dr. Andreas Struve beeindruckte mit einem Grundschulprojekt, das er seit 2003 betreut: Einmal pro Jahr geben Struve und sein Praxisteam Prophylaxeunterricht bei Zweitklässlern, werten Ernährungstagebücher aus und führen bei allen Kindern einen Speicheltest zur Bestimmung des individuellen Kariesrisikos durch. Das Ergebnis erhalten die Eltern zusammen mit schriftlichen Therapieempfehlungen und einer Einladung zu einem Elternabend. Die Testergebnisse der letzten Jahre zeigen deutlich, dass viele Kinder ein sehr hohes Kariesrisiko haben. Frühzeitige Prophylaxe und Aufklärung seien daher dringend notwendig, so Dr. Struve.

Mitglieder der diesjährigen Jury sind:

Prof. Dr. Thomas Attin, Universität Zürich, Elke Damann, Barmer GEK, Wuppertal, Prof. Dr. Werner Geurtsen, Medizinische Hochschule Hannover, Prof. Dr. Joachim Klimek, Universität Gießen, Prof. Dr. Klaus König, Universität Nijmegen, Prof. Dr. Hendrik Meyer-Lückel, Universität Aachen, Prof. Dr. Edgar Schäfer, Universität Münster, DGZ-Präsident.

Ausgezeichnet: Kinder- und Jugendärzte kooperieren mit Zahnärzten

Ebenfalls mit dem Sonderpreis und einer Prämie von 1.000 Euro ausgezeichnet wurden Dr. Jürgen Zitzen, Dr. Stephan Kranz, Dr. Dr. Ralf-Thomas Lange und Klaus Büssenschütt von der Zahnärzte Initiative Mönchengladbach ZIM. Seit 2008 kooperieren Zahnärzte mit Kinder- und Jugendärzten der Stadt in der Aktion ZIMkid. Was mit einer gemeinsamen Fortbildung begann, ist heute ein eingespieltes Netzwerk. Beispielsweise informieren Kinderärzte bei der zwischen dem fünften und siebten Lebensmonat anstehenden U5 die Eltern zum Thema Zahngesundheit, weisen auf den ersten Zahnarztbesuch hin und überreichen den Eltern den zahnärztlichen Kinderpass. Ein Erfolgsmodell par excellence, wie die Statistik zeigt: Seit Bestehen der Initiative stieg die Zahl der zahngesunden Kinder in Mönchengladbach von 60 auf über 70 Prozent an – mit steigender Tendenz. Jurymitglied Elke Damann, Barmer GEK, Wuppertal, war beeindruckt: „Zahn- und Kinderärzte arbeiten dort Hand in Hand. Kinderärzte schicken ihre kleinen Patienten früh zum Zahnarzt und sprechen bei den Untersuchungen das Thema Zahnpflege an. Das stärkt die Zahngesundheit von Anfang an.“

Früh übt sich: Prophylaxe für die Kleinsten

Mit einem Büchergutschein geehrt wurde das Spiel- und Lernprogramm „Abenteuer im Knabber-Schnapper-Lecker-Schmecker-Wunderland“ von Andrea Keller, Leiterin einer Kindertagesstätte im sächsischen Schwarzenberg. Die Sozialpädagogin entwickelte das Konzept, um Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren auf spielerische Weise für die tägliche Zahnpflege zu begeistern und ihnen ein Gefühl für den eigenen Körper zu vermitteln.

Die prämierten Arbeiten im Einzelnen

Auswirkungen der neuen Szene-Droge „Crystal Meth“ auf die Zahn- Mund- und Kieferregion – Möglichkeiten der Prävention und Therapie

Mit dem ersten Platz ausgezeichnet wurde die Studie von Dr. Dr. Niklas Rommel, Prof Dr. Dr. Marco Kesting und Dr. Dr. Nils Rohleder, Klinik und Poliklinik für MKG-Chirurgie der Technischen Universität München. Sie liefert erstmals umfassende Daten über die massiven Auswirkungen der Szenedroge Crystal Meth auf die Mundgesundheit. Das Problem wurde bereits innerhalb der vergangenen 15 Jahre anhand von Fallbeispielen insbesondere aus den Vereinigten Staaten unter dem Namen „Meth Mouth“ beschrieben, bislang aber nie systematisch untersucht.

Crystal Meth ist ein großes Problem, vor allem in den grenznahen Regionen Tschechiens. Tschechien hat seit 2010 die liberalste Drogenpolitik Europas, die zu einer rasanten Verbreitung der Droge unter Jugendlichen geführt hat, auch in den angrenzenden deutschen Bundesländern.

Vier Einrichtungen waren an dem Kooperationsprojekt zwischen oberfränkischen Suchtkliniken, Zahnarztpraxen und der TU München beteiligt. 100 Crystal Meth-abhängige Patienten nahmen an der Studie teil; jedem war ein Kontrollproband im gleichen Alter und mit gleichem Geschlecht zugeordnet. Eine gründliche zahnärztliche Untersuchungen beider Gruppen machte das Zerstörungspotenzial der Droge deutlich: Im Vergleich zu den Kontrollen hatten die Crystal-Meth-abhängigen Patienten einen signifikant höheren Kariesbefall, eine höhere Anzahl an Gingivitiden, Parodontiden und Zahnhartsubstanzverlusten. Darüber hinaus war ihre Mundhygiene schlechter, die Speichelfließrate und Speichelpufferkapazität waren signifikant reduziert. Hauptursache dieser Effekte ist vermutlich die symphatomimetische Wirkung von Crystal Meth, die unter anderem zu Mundtrockenheit führt. Dazu kommen Begleitfaktoren wie finanzielle Einschränkungen, hoher toxischer Begleitkonsum und eine inadäquate zahnärztliche Versorgung.

Deshalb fordern die Autoren forcierte zahnärztliche Aufklärungsarbeit in den Endemiegebieten, auf das Problem zugeschnittene zahnärztliche Fortbildungen und öffentlichkeitswirksame Aktionen, die auf die Folgen von Crystal Meth-Missbrauch auf die Zahngesundheit hinweisen. Die schlechte Zahngesundheit bedeute nicht nur persönliches Leid, sondern auch einen immensen Schaden für die Versicherungsträger. Auch aus diesem Grund sei eine forcierte zahnärztliche Aufklärung insbesondere in den Endemiegebieten notwendig.

Applikation von Pflanzenextrakten zur Prävention von Zahnerosionen – eine In-situ-/In-vitro-Studie

Der zweite Preis ging an die Arbeitsgruppe Dr. Marie-Theres Weber, Prof. Dr. Christian Hannig, Sandra Poetschke, Franziska Höhne, Universität Dresden und Prof. Dr. Matthias Hannig, Universität Saarland. Sie untersuchten das erosionspräventive Potenzial von Johannisbeerkraut (Ribes nigrum folium) und Oregano (Origanum). Bereits frühere Studien lassen vermuten, dass Polyphenole die protektiven Eigenschaften der Pellikel verstärken können. Die Pellikel ist eine physiologische und proteinhaltige Schicht auf der Zahnoberfläche, die als Barriere gegen saure Noxen fungiert. Allerdings schirmt sie die Zahnhartsubstanz nicht vollständig gegen Säureangriffe ab.

Die untersuchten Pflanzenextrakte sind als Mundgesundheitspräparate in Apotheken und Drogerien erhältlich. Für den Versuch trugen zwölf Probanden bovine Schmelzprüfkörper auf individuell angefertigten Tiefziehschienen, um eine orale Exposition zu gewährleisten. Nach dem Einsetzen der Schienen erfolgte für eine Minute die Ausbildung einer Pellikel auf den Schmelzprüfkörpern. Anschließend wurde zehn Minuten mit den pflanzlichen Extrakten gespült. Als Positivkontrolle diente eine Minute Spülung mit Fluoridlösung. Nach der Entnahme aus dem Mund wurden die Prüfkörper in Salzsäure eingelegt und die Freisetzung von Kalzium und Phosphat bestimmt.

Klares Ergebnis: Das Kombinationspräparat Ribes nigrum folium und Origanum steigerte die erosionsprotektive Wirkung der Pellikel. Die Schutzschicht wurde unter ihrem Einfluss dicker und elektronendichter. Die Pflanzenextrakte erzielten einen vergleichbaren beziehungsweise überlegenen Effekt wie die Fluoride. Die Autoren schlussfolgern, dass die untersuchten Extrakte viel versprechende Kandidaten für die Prävention erosiver Prozesse sind und möglicherweise eine Ergänzung zu den herkömmlichen Fluoriden darstellen. Um diese Aussage zu erhärten, bedarf es jedoch weiterer Forschung.

Grundschul-Prophylaxeprojekt

Einer von zwei Sonderpreisen ging an Dr. Andreas Struve für sein engagiertes Prophylaxeprojekt an einer Wuppertaler Grundschule. Seit 2003 besucht seine Praxis einmal pro Jahr Zweitklässler, um spielerischen Unterricht in Sachen Zahngesundheit zu geben. Das Team thematisiert die Funktion und Anatomie der Zähne, informiert über gesunde Ernährung und macht bei allen Kindern einen Speicheltest zur Bestimmung des individuellen Kariesrisikos. Zudem wertet Dr. Struve Ernährungstagebücher der Kinder aus und informiert über die richtige Zahnpflege. Nach der Testauswertung erhalten die Eltern zusammen mit dem Ergebnis und Therapieempfehlungen eine Einladung zum Elternabend, bei dem es ebenfalls um Prophylaxe geht.

Seit 2003 hat das Projekt 670 Kinder geschult und die Erfahrung zeigt, wie notwendig Prophylaxe und Aufklärung sind. Viele Kinder hätten ein sehr hohes Kariesrisiko, so Dr. Struve. Umso wichtiger seien Projekte wie dieses, die Lehrer, Eltern und Kinder zu mehr Prophylaxe motivieren.

Zahnärzte Initiative Mönchengladbach ZIMkid

Den zweiten Sonderpreis der Kategorie „Niedergelassene Praxis und gesellschaftliches Engagement“ erhielten Dr. Jürgen Zitzen, Dr. Stephan Kranz, Dr. Dr. Ralf-Thomas Lange und Klaus Büssenschütt von der Zahnärzte Initiative Mönchengladbach ZIM. In ihrer Aktion ZIMkid – dahinter verbirgt sich eine Zusammenarbeit von ortsansässigen Zahnärzten, Kinder- und Jugendärzten in Mönchengladbach – nutzen sie seit 2008 Synergien, um die Zahngesundheit bei Kindern zu verbessern. Die Vernetzung ist erfolgreich: Von 2008 bis 2010 stieg die Zahl der primär gesunden Kinder in Mönchengladbach von 60 auf über 70 Prozent an – bis heute mit steigender Tendenz.

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