Menschliche Voraussetzungen für den Weg zur Traumpraxis

Den zahlreichen Herausforderungen bei der Praxisgründung zu trotzen, ist nicht immer leicht. Zahnärztin und Oralchirurgin Dr. med. dent. Leyli Behfar aus Hamburg erzählt in ihrem Beitrag, wie sie ihren Lebenstraum umgesetzt hat und mit welchen Widerständen sie zu kämpfen hatte. Entscheidend für den Erfolg ist immer auch die Persönlichkeit des Existenzgründers.

Dr. med. dent. Leyli Behfar - Foto: Behfar

Dr. med. dent. Leyli Behfar – Foto: Behfar

Nun sitze ich hier seit Tagen vor einem leeren Blatt Papier und überlege, was ich diesbezüglich schreiben könnte. Es gehen mir tausend Gedanken durch den Kopf, sowohl positive als auch einige negative, wenn ich an die Zeit des Praxisaufbaus zurückdenke. Wenn ich dann jedoch aufschaue und mein Büro betrachte, bin ich immer wieder sicher, dass ich, wenn ich noch einmal die Wahl hätte, nichts anders machen würde als damals.
Als ich das Projekt Praxisneugründung 2010/2011 in Angriff genommen habe, war ich gerade schwanger. Mit Abstand betrachtet, ist dies alles andere als die beste Voraussetzung für diesen Schritt, zumal unsere Gesellschaft werdenden Müttern im Berufsleben oft mit sehr viel Vorurteilen und Skepsis begegnet.

Den eigenen Traum realisieren
Nun stand ich da, mit einem lange gehegten Traum einer eigenen Praxis, einem Baby im Bauch und vielen Ängsten. Glücklicherweise werden während der Schwangerschaft Millionen von Glückshormonen freigesetzt, sodass die Ängste schnell verflogen waren und ich mir sicher war, Berge versetzen zu können. Also ging ich das Projekt mit einem einzigen Ziel im Kopf an: Ich wollte meine Traumpraxis erschaffen. Eine, die komplett anders war als die, die ich bisher kannte. Eine, in der sich der Patient, der voller Angst und Unsicherheit zu mir kommt, trotzdem wohlfühlt und sich voller Vertrauen in meine Hände begeben kann.

Wie muss eine Praxis gestaltet sein?

Während meiner zahnärztlichen und oralchirurgischen Laufbahn war mir immer wieder aufgefallen, wie ungern Menschen zu uns kommen. Fast jeder Patient verbindet negative Gefühle mit einem Zahnarztbesuch, geschweige denn mit einem Besuch bei einem Oralchirurgen. Diese Tatsache hat mich so sehr belastet, dass ich mir viele Gedanken darüber gemacht habe, wie man das ändern könnte. Die Lösung war naheliegend. Ich habe mich in die Lage des Patienten versetzt und mir überlegt: Wie muss eine Praxis gestaltet sein, damit ich nicht nur Negatives damit assoziiere?

Eine Praxis – zwei unabhängige Einheiten

Schnell war die Antwort da. Die Praxis durfte nicht aussehen wie eine Praxis, nicht so riechen und sich auch nicht danach anhören. So wurde mein Konzept, eine Praxis bestehend aus zwei komplett voneinander unabhängigen Einheiten, geboren. Eine Einheit sollte den Wartebereich und die Administration beinhalten, wohnlich und warm eingerichtet sein und nicht an eine zahnärztlich-chirurgische Praxis erinnern. Die andere Einheit sollte funktional steril den OP-Trakt auf neuestem Stand der Technik mit allen hygienischen Anforderungen einer Klinik wiedergeben. Ich benötigte also Räume, in denen man all das realisieren konnte. Ich habe gezielt nur nach Jugendstilobjekten gesucht, da diese einen besonderen Charme versprühen.

Traumimmobilie an der Alster

Nach einigen Monaten hatte ich dann endlich meine Traumimmobilie gefunden: zwei übereinander liegende Jugendstilwohnungen mit direktem Blick über die Alster. Allerdings waren diese baulich sehr heruntergekommen. Man brauchte damals viel Phantasie, um sich dort eine hochmoderne chirurgische Praxis vorstellen zu können. Der Weg bis zu den ersten Abbrucharbeiten war sehr steinig und mit vielen Problemen hinsichtlich der Bauauflagen verbunden. Ich wusste jedoch immer, es gibt nichts, was unmöglich ist, wenn ich meinen Traum verwirklichen möchte. Die Praxis ist nun seit September 2012 in Betrieb. Seitdem arbeiten meine Mitarbeiterinnen und ich sehr erfolgreich an unserem Aufbau.

Persönliche Voraussetzungen

Welche persönlichen Voraussetzungen benötigt man, um den Traum der eigenen Praxis zu realisieren? Diese Frage kann ich nur aus meiner Warte und aus meiner Persönlichkeit her beantworten.

• Selbstvertrauen – glaube an dich selbst
Um ein Projekt in dieser Größenordnung realisieren zu können, muss man zunächst sich selbst schätzen. Ohne den Glauben an sich selbst geht nichts, und dieser Glaube kommt von innen. Dazu muss man sich selbst, seine Stärken und Schwächen sowie Wünsche und Träume kennen.

• Vision – wage es, von großen Zielen zu träumen und erreiche sie Stück für Stück
Man muss sich immer im Klaren darüber sein, welches Ziel man im Leben verfolgt. Träume dürfen ruhig groß sein, entscheidend ist, dass es die eigenen Träume sind. Egal wie groß oder klein, wie unerreichbar oder unrealistisch es anderen erscheinen mag, man sollte auf die innere Stimme und Intuition hören und unermüdlich dem Weg zum Ziel folgen.

  • Mut – sei mutig, fair und flexibel
    Auch das ist wichtig: Mut zu haben und zu sich selbst zu stehen, das zu tun, was man selbst – auch entgegen aller Einsprüche von außen – für richtig hält. Mut zu haben, seine Träume nicht aufzugeben, auch nicht nach Rückschlägen. Es bedarf aber auch erheblichen Mutes, dazu zu stehen, anders zu sein und nicht in die Fußstapfen eines anderen zu treten.
  • Integrität – tue das, was du für richtig hältst
    Dazu muss man seine eigenen Werte gut kennen. Man muss sein eigener Richter sein und nicht viel auf die Meinung anderer über einen selbst geben. Man muss lernen, sich selbst zu beurteilen und sich nicht vom Urteil anderer abhängig machen, oder noch schlimmer, es sogar glauben.

• Durchhaltevermögen – gib niemals auf
    Den Wunsch aufzugeben kennt sicherlich jeder von uns. Wichtig ist nur, niemals aufzugeben, wenn dieser Traum das ist, was man wirklich möchte. Man darf sich etwas mehr Zeit geben für eine Entscheidung, neue Unterstützer suchen oder andere Kraftreserven mobilisieren, aber niemals aufgeben.
  • Aktivität – ergreife die Initiative und lass andere wissen, dass du bereit bist
    Egal wie lang oder kurz die eigenen Denk- und Entscheidungsprozesse zu einem Thema waren, irgendwann muss die Aktivität beginnen, sonst bleiben alle Visionen und Wünsche nur bunte, aber ferne, nie umgesetzte Träume. Man muss die Initiative ergreifen und Chancen aktiv nutzen.
  • Demut und Dankbarkeit – das erste haben und das zweite zeigen
    Denn wenn man nicht demütig ist, kann es sein, dass man sehr schnell überheblich wird und nach dem ersten kleinen Erfolg das wahre Ziel aus den Augen verliert.

Sich selbst und das Lachen nicht vergessen

Es ist wichtig, bei all der harten Arbeit, die Erfolg unzweifelhaft fordert, sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen und das Lachen nicht zu vergessen.
Wenn Sie sich nun fragen, ob sich Familie mit Beruf vereinbaren lässt, muss ich sagen, dass es wichtig ist, mit Kompromissen leben zu können, da man nicht beides gemeinsam perfekt bewerkstelligen kann. Man muss sich extrem gut organisieren und braucht Menschen, die einem immer unterstützend zur Seite stehen. Ich habe nach der Geburt meines Sohnes kaum aufgehört zu arbeiten.

Dr. Leyli Behfar, Hamburg

Zur Person
Dr. med. dent. Leyli Behfar ist Fachzahnärztin für Oralchirurgie mit den Tätigkeitsschwerpunkten Parodontologie und Implantologie. Vor mehr als einem Jahr gründete sie in Hamburg das Implantatzentrum Alster – ein Kompetenzzentrum für Implantologie und Parodontologie. Dr. med. dent. Leyli Behfar ist Mitglied des Prüfungsausschusses Oralchirurgie der Zahnärztekammer Hamburg und leitet einen Qualitätszirkel der Zahnärztekammer Hamburg. Darüber hinaus ist sie seit vielen Jahren Referentin im Bereich Implantologie und Orale Chirurgie.

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