Vision 2020: Was muss, was sollte, was kann – und was ist Hype?

Nachdem ich auf dem Bildschirm gesehen hatte, dass der Patient bereits im Wartezimmer sitzt und den Anamnesebogen ausgefüllt hat, holte ich ihn dort ab. Dabei streifte mein Blick über den Fernseher im Wartezimmer, wo gerade eine Reportage über die Wüste in Nevada lief … In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mit meiner Praxis bereits im digitalen Zeitalter angekommen war.

Die Integration digitaler Systeme sollte schrittweise erfolgen und am Kenntnisstand der Mitarbeiter ausgerichtet sein. Foto:

Die Integration digitaler Systeme sollte schrittweise erfolgen und am Kenntnisstand der Mitarbeiter ausgerichtet sein. Foto: Shutterstock/Tyler Olsen

Die digitalen Verfahren eröffnen völlig neue Möglichkeiten

Die Schlagworte der digitalen Zahnmedizin und des digitalen Workflows begleiten die zahnmedizinische Entwicklung der vergangenen Jahre maßgeblich. Hier eröffnen die digitalen Verfahren ganz neue Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahrzehnten visionär erschienen. So gehören die Chairside-Fertigung von prothetischen Restaurationen ebenso wie die Datenfusion von zahntechnischen Daten und radiologischen Daten zu gut untersuchten Verfahren, die in der täglichen zahnärztlichen Routine ihren festen Platz einnehmen können. Bei all den technischen Möglichkeiten klafft die Schere zwischen dem technisch Machbaren und der möglichen, sinnvollen Integration in den Routineablauf sehr weit auseinander. Wie ist es da möglich, den Überblick zu behalten und sinnvoll zwischen Hype und Notwendigkeit zu unterscheiden?

Was ist machbar – und was ist sinnvoll?

Aus Sicht des Prozessmanagements sind nahezu alle digitalen Verfahren den Unterstützungsprozessen zuzuordnen. Dies bedeutet, dass eine Vielzahl der Aufgaben aus der Warenlogistik, der Zahntechnik und der Terminkoordination heute digital erfolgen kann. Der Kernprozess – also das Behandeln von Patienten – ist aber durch die Mensch-zu-Mensch-Interaktion geprägt. Hier ist derzeit auch keine Änderung von Patientenseite erkennbar. Die Patientenakzeptanz, sich von einem Computer behandeln oder beraten zu lassen, ist sehr gering ausgeprägt.

In die Überlegung, inwieweit eine Übernahme digitaler Prozesse in den Praxisablauf sinnvoll ist, müssen verschiedene Faktoren einfließen. Dies sind vor allem die strategische Ausrichtung der Praxis, das Team und die Entscheidung, ob die digitalen Verfahren selbst- oder fremdgewartet werden.

5 Facts

  • Eine radikale Umstellung analoger Arbeitsabläufe auf einen digitalen Workflow ist nicht sinnvoll.
  • Die Integration digitaler Systeme sollte schrittweise erfolgen und sich nach dem Kenntnis- und dem Ausbildungsstand der Mitarbeiter richten.
  • Zahnärzte sollten digitale Ausbaureserven einplanen, da die Entwicklung und Vereinfachung digitaler Prozesse in der Praxis stetig zunehmen.
  • Die Digitalisierung sollte nicht als Selbstzweck oder Marketing-Tool verstanden werden, sondern in der Praxis gelebt und bedient werden.
  • Bei der schrittweisen Integration digitaler Verfahren sollten anfangs einige Bereiche ausgespart werden. So bleibt Entwicklungspotenzial offen und die Investitionen bleiben überschaubar.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten digitaler Verfahren
Derzeit sind vielfältige Einsatzmöglichkeiten digitaler Verfahren verfügbar. Dabei handelt es sich um patientenspezifische Individualfertigungen. Hierzu werden CAD/CAM-Verfahren eingesetzt, die sich bereits in der industriellen Fertigung durchgesetzt haben.
Allen Verfahren der Patientenbehandlung mittels CAD/CAM ist gemein, dass die patientenspezifischen Informationen über eine Schnittstelle digitalisiert werden müssen. Dies kann direkt, wie im Falle des Intraoralscanners, oder indirekt über einen Abdruckscan oder Modellscan erfolgen. Sind die Daten erst einmal erhoben, können Zusatzinformationen wie Zahnfarbe oder Lippenlänge des Patienten in das digitale System einfügt werden. Um eine solche digitale Eingabe zu machen, ist heutzutage ein Home-PC ausreichend.

Verschiedene Wege im digitalen Workflow
Für das Design und die Herstellung (CAD/CAM) bieten sich nun grundsätzlich verschiedene Wege im digitalen Workflow an. Entweder soll eine Lokalfertigung – gegebenenfalls sogar chairside – oder eine Zentralfertigung der meist prothetischen Arbeit erfolgen. Bei letzterer werden die Daten meist verschlüsselt auf einem Server hochgeladen und ein digitaler Auftrag erstellt. Die Arbeit wird dann an meist über technisch sehr ausgereifte Systeme gefertigt und anschließend an den Behandler ausgeliefert. Eine direkte Kommunikation ist dabei meist nicht notwendig.

Bei der Lokalfertigung hingegen können Herstellung und Auslieferung schneller erfolgen, da hier die Transportwege sehr kurz sind oder sogar ganz entfallen. Dabei kommen meist Fräsen zum Einsatz, die einen höheren Materialeinsatz notwendig machen und eine längere Fertigungszeit benötigen. Weiterhin muss entsprechend geschultes Personal zum Designen der Arbeit und für die Bedienung der Fräse vorgehalten werden. Hier ist also auch ein lokal höheres personelles und materielles Investment erforderlich, was sich erst über eine hohe Stückzahl rentiert. Die Flexibilität und Datenverfügbarkeit sind jedoch erhöht.

Rechnerleistung, der Datenfluss und IT-Infrastruktur
Für die Lokalfertigung sind neben der entsprechenden Rechnerleistung auch der Datenfluss und die IT-Infrastruktur für den reibungslosen Ablauf erforderlich. Hier ist zu beachten, dass es offene und geschlossene Systeme des digitalen Workflows gibt und derzeit kein einheitliches Datenformat für Oberflächendaten verfügbar ist. Dieses steht für Oberflächendaten aus Scanprozessen damit in konträrer Situation zu den radiologischen Datensätzen. Hier hat sich für dreidimensionale Datensätze ein internationales Format (DICOM) etabliert. Dieses Datenformat kann von jeder radiologischen Software eingelesen und aus jedem radiologischen Gerät exportiert werden. In diesen Datensätzen sind dabei auch die Metadaten wie zum Beispiel der Zeitpunkt der Aufnahme oder die Strahlendosis hinterlegt. Damit ist ein Datentransfer in verschiedene Softwareprodukte möglich geworden.

Trend bei Oberflächendaten erkennbar

Bei den Oberflächendaten zeichnet sich ein Trend ab, dass ein industriell häufig verwendetes Datenformat (.stl-Daten) eine ähnliche Position einnehmen könnte. Derzeit gibt es hierfür jedoch keine anerkannte Norm oder Richtlinien. Auch sind die Softwarehersteller nicht verpflichtet, eine offene .stl-Schnittstelle zur Verfügung zu stellen. Dies führt in der Konsequenz dazu, dass es viele Insellösungen gibt, da aufeinander abgestimmte Produktionsprozesse nur innerhalb eines Herstellersystems möglich sind. Der Anwender wird dadurch gezwungen, innerhalb eines Herstellersystems zu bleiben, und eine Durchmischung verschiedener Hersteller und Softwaresysteme ist damit nur selten möglich.

Erste übergreifende Systeme

Diese sogenannten Insellösungen sind meist für eine bestimmte Anwendung und einen definierten Arbeitsablauf konzipiert. Dieses ist jedoch derzeit stark im Umbruch, und die ersten übergreifenden Systeme werden praxisreif. So ist es zum Beispiel bei einigen Softwareprogrammen möglich, auf nur einem Datensatz des Patienten die Implantatplanung durchzuführen und eine Bohrschablone zu erstellen. Im folgenden Arbeitsschritt lässt sich dafür eine geeignete provisorische Versorgung CAD/CAM planen und schleifen sowie ein individueller Abformlöffel erstellen (für den Fall, dass konventionell abgeformt werden soll). So lässt sich die Anzahl der Patientensitzungen reduzieren und der Arbeitsaufwand wird tatsächlich dezimiert.

Neben den technischen Voraussetzungen spielen auch der Ausbildungsstand und die Mitarbeitermotivation eine entscheidende Rolle bei der Integration digitaler Systeme. Für die Generation Y und die Milleniums ist der Umgang mit digitalen Eingabegeräten nahezu vollständig intuitiv geworden. Für die Ausbildung und das Nachschlagen werden digitale Medien als unverzichtbar angesehen.

Schere zwischen IT-affinen Zahnärzten und „Computerangsthasen“ klafft immer weiter auseinander
Auf der anderen Seite sind damit eine hardwarenahe Anwendung und Programmierung von Systemen nicht notwendig gewesen, und das grundlegende Verständnis für IT-Abläufe nimmt erstaunlicherweise ab. Weiterhin klafft die Schere zwischen IT-affinen Zahnärzten und Mitarbeitern und „Computerangsthasen“ immer weiter auseinander. Aufgrund häufig fehlender Zertifikate und offizieller Fortbildungen sind häufig auch keine Zeugnisse oder darstellbare und nachvollziehbaren Qualifikationsnachweise für Computerkenntnisse, die zu einer Optimierung und Integration digitaler Systeme in der Zahnarztpraxis führen, vorhanden. Dieses erschwert die Suche nach entsprechenden Mitarbeitern noch zusätzlich.

Fazit
In der Conclusio lässt sich festhalten, dass eine radikale und einzeitige Umstellung von analogen Arbeitsabläufen auf einen digitalen Workflow nicht sinnvoll erscheint. Hier sollte eine schrittweise Integration digitaler Systeme erfolgen, welche die Mitarbeiter nicht überfordert, sondern die sich nach dem Kenntnisstand und dem Ausbildungsstand der Mitarbeiter richtet. Dabei sollten entsprechende digitale Ausbaureserven eingeplant werden, da die Entwicklung und Vereinfachung digitaler Prozesse in der Praxis stetig zunehmen.

Die Digitalisierung sollte darüber hinaus nicht als Selbstzweck oder Marketing-Tool verstanden, sondern auf allen Ebenen in der Praxis gelebt und bedient werden. Hier sind neben Schulungen auch die Individualisierbarkeit der Benutzeroberflächen entsprechend des Know-hows zu berücksichtigen. Bei der schrittweisen Integration der digitalen Verfahren sollten anfangs einige Bereiche wie zum Beispiel die Fertigung noch ausgespart werden. Eine spätere Entscheidung, ob dieses lokal oder zentral erfolgen soll, ist immer noch möglich. So bleibt noch ein Entwicklungspotenzial offen und die Investitionen können überschaubar gestaltet werden.
Prof. Dr. Constantin von See, Krems


Prof. Dr. Constantin von See (Foto: von See)

Prof. Dr. Constantin von See (Foto: von See)

Zu unserem Autor:

Prof. Dr. Constantin von See ist Zahnarzt und Leiter des Zentrums für CAD/CAM und digitale Technologien.

• 1995 bis 2001 Studium der Zahnmedizin an der Georg August Universität Göttingen

• 2005 bis 2008 Facharztweiterbildung „Oralchirurgie“ an der Medizinischen Hochschule Hannover

• 2011 Habilitation an der Medizinischen Hochschule Hannover

• 2014 Berufung zur Professur an die Danube Private University, Krems

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