Stillen beeinflusst kindliche Zahnentwicklung: Was Eltern jetzt wissen müssen

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Eine überarbeitete S3-Leitlinie aus 2025 fasst aktuelle Empfehlungen zum Stillen zusammen und rückt erstmals detailliert Fragen zur Mund- und Zahngesundheit in den Fokus. Das betrifft nicht nur werdende und junge Eltern, sondern auch Kinderärzte, Zahnärztinnen und Hebammen — denn die Entscheidungen in den ersten Lebensmonaten können sich langfristig auf Gesundheitsrisiken und Versorgungsstrategien auswirken.

Kernaussagen und Beteiligte

Erstellt wurde die Leitlinie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (DGHWi). Insgesamt haben sich 26 Fachgesellschaften und Berufsgruppen an der Ausarbeitung beteiligt.

Untersucht wurden rund 30 gesundheitsrelevante Endpunkte bei Mutter und Kind, darunter Infektions- und Stoffwechselerkrankungen des Kindes sowie Aspekte der mütterlichen Gesundheit. Ein Schwerpunkt liegt auf der**Mund- und Zahngesundheit**.

Die Empfehlungen im Überblick

  • Vollstillen für die ersten sechs Monate (exklusiv oder überwiegend): Empfehlungsgrad B. Hierbei bedeutet exklusives Stillen, dass das Kind ausschließlich Muttermilch erhält; überwiegendes Stillen erlaubt zusätzlich Wasser oder Tee.
  • Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten: Empfehlungsgrad A. Die Leitlinie spricht sich also für eine Fortsetzung des Stillens über das erste Lebensjahr hinaus aus.
  • Beim Teilstillen wird ergänzend Säuglingsanfangsnahrung oder Beikost gegeben; dies wird separat betrachtet.

Die Empfehlungseinstufungen spiegeln die zugrundeliegende Evidenzlage wider: eine stärkere Empfehlung (A) für die mindestens zwölfmonatige Stilldauer, eine moderatere (B) für das vollstillen in den ersten sechs Monaten.

Mundatmung: mögliche Zusammenhänge, aber unsichere Daten

Die Leitlinie fasst vorhandene Studien zusammen, die einen Zusammenhang zwischen Stilldauer und der Neigung zu überwiegender Mundatmung untersuchen. Als plausible Mechanismen werden die Ausbildung der orofazialen Muskulatur durch Saugen und mögliche Veränderungen der Atemmuster genannt.

Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Gesamtstilldauer von mehr als zwölf Monaten gegenüber kürzerer Stilldauer mit einer geringeren Häufigkeit bevorzugter Mundatmung assoziiert sein könnte; ähnliche Signale zeigen sich bei Stilldauern über 24 Monate im Vergleich zu darunter. Für das ausschließliche beziehungsweise überwiegende Stillen über sechs Monate gegenüber kürzeren Intervallen fanden die Autoren jedoch keine belastbaren Hinweise auf Vor- oder Nachteile.

Wichtig: Für alle betrachteten Studien bewerten die Leitlinienautoren die Evidenz als sehr niedrig, sodass Kausalitäten nicht gesichert werden können.

Frühkindliche Karies (ECC): widersprüchliche Befunde

Beim Thema Frühkindliche Karies (ECC) wird die Rolle der Muttermilch differenziert diskutiert. Einerseits enthält Milchzucker (Laktose), der theoretisch kariogen wirken kann; andererseits weist Muttermilch Bestandteile mit antimikrobiellen und potenziell schützenden Effekten auf.

Hinzu kommt ein mechanischer Aspekt: Beim Stillen erfolgt die Milchaufnahme überwiegend rückwärts in Richtung Rachen und wird schnell geschluckt, sodass sie weniger lange an den Zahnflächen verbleibt als teilweise bei anderen Fütterungsformen. Die Studienlage bleibt jedoch uneinheitlich und ist häufig durch methodische Schwächen begrenzt. Deshalb lassen sich aus den vorhandenen Daten keine belastbaren Aussagen zur direkten Wirkung des Stillens auf ECC ableiten.

Zahn- und Kieferfehlstellungen

Die Leitlinie diskutiert auch mögliche Einflüsse des Stillens auf die Entwicklung von Zahn- und Kieferstellungen. Als erklärender Mechanismus wird die stärkere Beanspruchung der orofazialen Muskulatur beim Saugen an der Brust gegenüber der Flaschennahrung angeführt.

Beobachtungsstudien berichten, dass Kinder mit keiner, unregelmäßiger oder sehr kurzer Stilldauer häufiger Anzeichen von Fehlstellungen zeigen als Kinder, die länger gestillt wurden. Auch hier stufen die Autoren die Qualität der Belege als sehr niedrig ein, sodass Aussagen über Ursache und Wirkung mit Vorsicht zu behandeln sind.

Was bedeutet das praktisch?

Für Eltern: Die Leitlinie unterstützt das Ziel, Babys in den ersten sechs Monaten vorzugsweise zu stillen und das Stillen möglichst über das erste Lebensjahr hinaus fortzusetzen. Zugleich macht sie deutlich, dass die Forschung zu Mundgesundheit und Fehlstellungen keine eindeutigen Schlussfolgerungen zulässt.

Für Fachkräfte: Empfehlungen zur Stillförderung bleiben eine zentrale präventive Maßnahme, sollten aber mit individueller Beratung kombiniert werden — etwa mit frühzeitiger zahnärztlicher Begleitung und Aufklärung über mundhygienische Gewohnheiten bei Säuglingen.

Die Leitlinie betont die Notwendigkeit besserer, methodisch hochwertiger Studien, um Beziehungen zwischen Stillverhalten und orofazialen Ergebnissen eindeutig zu klären.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V., Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V., Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e. V.: S3‑Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“, Version 1.0, Registernummer 027-072, 2025. Verfügbar im AWMF‑Leitlinienregister (Zugriff am 26.02.2026).

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