Alterszahnmedizin unter Druck: fehlende Konzepte bedrohen Pflegequalität

Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen

Anfang Mai 2026 versammelten sich in Köln Expertinnen und Experten aus Gerodontologie, Geriatrie und Pflege, um über die Folgen einer alternden Gesellschaft für die Zahnmedizin zu debattieren. Die zentrale Botschaft: Bessere Mundgesundheit älterer Menschen erfordert jetzt klarere Standards, engere Zusammenarbeit zwischen Berufsgruppen und eine Verschiebung der Behandlungsprioritäten.

Warum das Thema jetzt relevant ist

Neue Daten aus der jüngsten Deutschen Mundgesundheitsstudie zeigen, dass ältere Menschen heute deutlich mehr eigene Zähne behalten als noch vor zwei Jahrzehnten. Diese Erfolge der Prävention bringen jedoch neue Probleme mit sich: mehr Zähne bedeuten auch ein größeres Risiko für komplexe Erkrankungen wie schwere Parodontitis und Wurzelkaries.

Auf dem 36. Jahreskongress des European College of Gerodontology (ECG) in Köln wurde deutlich, dass sich die Zahnmedizin deshalb wandeln muss — weg von der vorwiegend restaurativen Versorgung, hin zu personalisierten, interdisziplinären Konzepten für gebrechliche und multimorbide Patientinnen und Patienten.

Wesentliche epidemiologische Befunde

Aus der DMS‑6 geht hervor, dass die Karieslast bei den 65‑ bis 74‑Jährigen seit den 1990er‑Jahren deutlich gesunken ist; gleichzeitig ist die Zahl funktionaler Zähne im Schnitt deutlich gestiegen. Zahnlosigkeit ist heute selten, doch Parodontitis im fortgeschrittenen Stadium und Wurzelkaries betreffen weiterhin große Anteile dieser Altersgruppe.

Experten warnen: Das Versorgungsprofil verschiebt sich. Klinische Ressourcen und Praxisabläufe müssen künftig stärker auf komplexe prothetische und parodontale Eingriffe ausgerichtet werden — und weniger auf hochvolumige restaurative Maßnahmen bei jüngeren Erwachsenen.

Demografische Dimension

Die Alterung der Bevölkerung verstärkt die Nachfrage nach zahnmedizinischer Betreuung vor Ort und in Heimen. In Deutschland könnte der Anteil der Über‑65‑Jährigen bis 2050 auf rund ein Viertel der Bevölkerung anwachsen; global wird ein ähnlicher Trend erwartet.

Das hat direkte Folgen für Praxen: Mehr ältere Behandlungsfälle, häufig begleitet von Multimorbidität, Polypharmazie und eingeschränkter Selbstpflegefähigkeit.

Praktische Herausforderungen

Ältere Patienten kommen heute öfter mit erhaltenen Zähnen, umfangreichen Prothesen und eingeschränkter Feinmotorik in die Praxis. Begleiterkrankungen und Medikamente können Speichelfluss und Heilungsprozesse beeinträchtigen. Die klinische Priorität verschiebt sich damit: Nicht immer geht es um die perfekte Restauration einzelner Zähne, sondern um den Erhalt von Kau‑ und Sprechfunktion sowie Lebensqualität.

  • Versorgungsziel neu denken: Funktionstüchtigkeit vor kosmetischer Perfektion bei gebrechlichen Patienten.
  • Interprofessionelle Teams: Zusammenarbeit mit Hausärzten, Pflegekräften und Ernährungsberatern wird zwingend.
  • Prävention sichern: Kontinuität im Recall ist entscheidend — wer einmal ausfällt, bleibt oft dauerhaft verloren.
  • Ausbildung und Leitlinien: Neue Curricula und die jüngst veröffentlichte S2k‑Leitlinie schaffen Orientierung für die Praxis.

Ein neues Klassifikationsmodell

Um die Heterogenität älterer Patientinnen und Patienten besser abzubilden, wurde auf dem Kongress das sogenannte Framework Gerodontology vorgestellt. Ziel ist, ein internationales, interdisziplinäres Bewertungsinstrument zu etablieren, das sowohl das allgemeine Gesundheitsbild als auch orale Funktionen berücksichtigt.

Das Modell verbindet Konzepte wie Staging und Grading — ähnlich bekannten Parodontitis‑Klassifikationen — und fügt eine funktionsbezogene Dimension hinzu. Dabei fließen Instrumente wie die Clinical Frailty Scale ein, um das individuelle Risiko und die Prognose zu erfassen. Vereinfachungen bei der praktischen Anwendung sind geplant, damit das System in der Routine einsetzbar wird.

Praxisprojekte und ihre Grenzen

Im Rahmen des Interventionsprojekts Gerodent Plus in Flandern zeigte sich: Schulungen per E‑Learning, strukturierte Gespräche zwischen Ärztinnen, Zahnärzten und Pflegekräften sowie Leitfäden verbessern die Kooperation und die häusliche Mundpflege. Dennoch gelang es nicht zuverlässig, ehemals regelmäßig betreute Patienten wieder in ein Recall‑System zurückzuführen.

Diese Erfahrung legt nahe, dass Prävention dauerhaft verankert werden muss; verlorene Kontakte lassen sich nur schwer wiederherstellen.

Frailty richtig kommunizieren

Das Kongressprogramm rückte auch das Konzept der Frailty in den Mittelpunkt — den Ausdruck eines verminderten körperlichen Reservelagers, das die Reaktion auf Stressoren erschwert. Wichtig ist, Frailty nicht als unabänderliches Schicksal zu vermitteln: Viele Expertinnen und Experten betonten, dass es sich um einen dynamischen Zustand handelt, der therapierbar und teilweise reversibel sein kann.

Ärztinnen, Zahnärzte und Pflegende sollten diese Botschaft aktiv vermitteln, um Motivation und Adhärenz zu fördern — eine positive, realistische Hoffnungskommunikation kann Therapieakzeptanz und Pflegebeteiligung erhöhen.

Was Praxen jetzt tun sollten

Der Kongress stellte keinen einfachen Masterplan vor, aber konkrete Ansatzpunkte, die sich sofort umsetzen lassen:

  • Screenings für Frailty und orale Funktionsstörungen in die Routine integrieren.
  • Recall‑Systeme prüfen und auf Stabilität hin optimieren, damit Patienten nicht „verloren“ gehen.
  • Interprofessionelle Netzwerke aufbauen — lokale Kooperationen mit Hausärzten, Pflegediensten und Heimen sind wirkungsvoll.
  • Fortbildungen zur Alterszahnmedizin regelmäßig anbieten; Leitlinien wie die neue S2k‑Empfehlung nutzen.

Die Botschaft an niedergelassene Zahnärztinnen und Zahnärzte lautet klar: Die demografische Entwicklung macht Anpassung zur Pflicht. Wer heute Strukturen schafft, um ältere, oft multimorbide Patienten mit komplexen Bedürfnissen zu behandeln, wird künftig bessere Ergebnisse erzielen — für die Patientinnen und Patienten und für die Praxis.

Von Dagmar Kromer‑Busch, Köln

Geben Sie Ihr Feedback

Seien Sie der Erste, der dieser Beitrag bewertet
oder hinterlassen Sie eine detaillierte Bewertung



Chance Praxis ist ein unabhängiges Medium. Unterstützen Sie uns, indem Sie uns zu Ihren Google News Favoriten hinzufügen:

Kommentar posten

Kommentar veröffentlichen