Essstörungen im Spitzensport: zahnärztliche Befunde liefern Frühwarnzeichen

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Eine aktuelle Analyse im British Dental Journal stellt Elite-Sportlerinnen und -Sportler in den Fokus: Essstörungen sind dort deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung und hinterlassen sichtbare Spuren im Mundraum. Für Zahnärztinnen und Zahnärzte eröffnet das die Chance, Frühwarnzeichen zu erkennen und Betroffene zu unterstützen – eine Möglichkeit, die laut den Autorinnen der Studie bislang zu selten genutzt wird.

Deutliche Häufung im Leistungssport

Ein internationales Autorenteam um Dr. Rebecca Moazzez (Arthur A. Dugoni School of Dentistry) fasst in der Veröffentlichung von 2026 Forschungsergebnisse zusammen, die auf eine erhöhte Prävalenz von gestörtem Essverhalten bei Athletinnen und Athleten hinweisen. Unterschiedliche Untersuchungen, darunter Daten von Hochschulsportler*innen, zeigen: Verhaltensweisen zur Gewichtskontrolle oder Essstörungen treten bei Sportlern häufiger auf als bei Gleichaltrigen ohne sportliche Karriere.

Während exakte Zahlen je nach Studie schwanken, verweisen die Forschenden auf Befunde, wonach die Häufigkeit im Sportfeld um rund ein Fünftel höher liegen kann. Einzelstudien berichten sogar, dass bis zu 84 Prozent von College-Athleten irgendwann einmal Symptome oder Verhaltensweisen im Bereich Essstörungen gezeigt haben.

Mehr als nur ein Erscheinungsbild

Die Studie macht deutlich: Essstörungen sind komplexe Erkrankungen, keine vorübergehende Modellphase. Bei Sportlern treten sie in variierenden Formen auf — von Anorexie über Bulimie bis hin zu Binge-Eating — und sie sind nicht an ein bestimmtes Körperbild gebunden.

Begleiterscheinungen sind häufig: zwanghafte Gedanken zum Thema Ernährung und Körperform, Einschränkungen der Lebensqualität und in vielen Fällen ein übersteigertes Trainingsverhalten bis hin zur Trainingssucht. Diese psychische Belastung hat direkte Folgen für die Mundgesundheit.

Woran Zahnärzte früh erkennen können

Zahnärztliche Praxen sehen oft die ersten physischen Hinweise im Mundraum. Besonders auffällig ist laut Analyse der Zusammenhang zwischen Essstörungen und erosivem Zahnverschleiß, aber auch Karies, Zahnüberempfindlichkeit und Entzündungen des Weichgewebes kommen vor.

  • Typische klinische Zeichen: Schmelzerosion an den Innenflächen der Zähne, vermehrte Sensitivität, kariöse Defekte, Auffälligkeiten an der Schleimhaut.
  • Verhaltenshinweise: wiederkehrende Berichte über Erbrechen, exzessive Verwendung von Zahnaufhellern oder häufige Gewichtskontrolle.
  • Kommunikation: behutsame Ansprache, offene Fragen stellen, Schuldzuweisungen vermeiden.
  • Weiteres Vorgehen: vertrauliche Dokumentation, interdisziplinäre Überweisung (Psychosomatik, Ernährungsberatung, Sportmedizin) und engmaschige Kontrollen in der Praxis.

Praktische Gesprächsstrategien für die Praxis

Die Autorinnen betonen, dass die Art des Gesprächs entscheidend ist: Statt direkt auf Ernährung oder Gewicht zu fokussieren, empfiehlt sich eine empathische Haltung, die Sorgen ernst nimmt und weitere Belastungsfaktoren thematisiert. Ziel ist es nicht, sofort Lösungen vorzuschlagen, sondern Vertrauen aufzubauen und die Patientin oder den Patienten zur fachärztlichen Hilfe zu ermutigen.

Für viele Sportlerinnen und Sportler kann die Zahnarztpraxis ein relativ niedrigschwelliger Ort sein, um über Probleme zu sprechen — gerade weil Zahnärztinnen und Zahnärzte nicht immer Teil des regulären sportmedizinischen Betreuungsteams sind.

Konkrete Folgen und aktuelle Entwicklungen

Wer früh handelt, verbessert die Heilungschancen: Früherkennung ermöglicht nicht nur die Behandlung dentaler Schäden, sondern auch rechtzeitige Weitervermittlung an spezialisierte Angebote. Das ist kein theoretischer Ratschlag — einige Einrichtungen reagieren bereits: So gibt es spezialisierte zahnmedizinische Sprechstunden für Menschen mit Bulimie und Anorexie, etwa am Carolinum in Frankfurt, die seit 2024 ergänzende Beratung anbieten.

Langfristig fordern die Forschenden eine bessere Verzahnung zwischen Zahnmedizin, Sportmedizin und psychosozialen Fachdisziplinen. Schulungen für zahnärztliches Personal und klare Netzwerke zur schnellen Überweisung könnten die Versorgungssituation deutlich verbessern.

Quelle: Moazzez R., Bomfim D., McGregor R. et al., „Disordered eating, oral health and sports“, Br Dent J, 2026. DOI: 10.1038/s41415-026-9612-z

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