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Eine aktuelle Metaanalyse liefert klare Hinweise darauf, warum viele Menschen mit psychischen Erkrankungen alltägliche Aufgaben als unüberwindbar empfinden – und welche Folgen das für die Versorgung und Termintreue im Gesundheitswesen hat. Besonders für Ärztinnen und Zahnärzte ergeben sich daraus praktische Ansatzpunkte, um Patienten mit Motivationsproblemen besser zu erreichen.
Worum es in der Studie geht
Forscher um den Psychologen Matthias Pillny haben 68 Studien mit insgesamt knapp 3.700 Teilnehmenden ausgewertet, die an Depressionen, bipolaren Störungen, Schizophrenie-Spektrumsstörungen oder einem erhöhten Risiko für solche Erkrankungen litten. Ziel war, kognitive Muster zu identifizieren, die erklären, weshalb Betroffene selbst einfache Alltagshandlungen seltener ausführen.
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Psychische Erkrankungen belasten Alltag: Viele Betroffene leiden an Antriebslosigkeit
Im Zentrum steht das Entscheidungsverhalten, das Forscher als Aufwand-Belohnungs-Abwägung (im Englischen: effort-based decision making) beschreiben: Menschen schätzen ab, wie viel Aufwand nötig ist und welchen Ertrag eine Handlung verspricht — je höher der erwartete Nutzen und die Erfolgserwartung, desto eher investieren sie Anstrengung.
Die Kernergebnisse
Die Auswertung zeigt ein klares Muster: Personen mit psychischen Störungen tendieren dazu, den erforderlichen Aufwand zu überschätzen und den möglichen Nutzen zu unterschätzen. Das führt dazu, dass viele Aktivitäten – vom Spaziergang bis zum Arzttermin – als nicht lohnenswert oder als zu beschwerlich erscheinen.
Kurz gesagt: Selbst wenn ein Nutzen objektiv gegeben ist, gewinnt die subjektive Wahrnehmung von Aufwand oft die Oberhand. Das wirkt sich nicht nur auf Freizeitverhalten aus, sondern auch auf gesundheitsrelevante Entscheidungen.
Was das für die Gesundheitsversorgung bedeutet
Für medizinische und zahnärztliche Praxen ist das kein rein theoretisches Problem. Wenn Patientinnen und Patienten den Gang zur Vorsorge oder die Behandlung selbst als unverhältnismäßig anstrengend bewerten, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Termine wahrgenommen oder Folgebehandlungen eingehalten werden. Das erhöht langfristig Aufwand und Kosten im Versorgungssystem und verschlechtert die Gesundheitsprognose.
- Verzerrte Aufwandsschätzung: Betroffene nehmen nötige Schritte als unüberwindbar wahr.
- Geringe Vorstellung positiver Folgen: Erwartete Belohnungen werden weniger lebhaft antizipiert.
- Transdiagnostische Gemeinsamkeiten: Ähnliche Muster zeigen sich bei Depressionen und bipolaren Störungen.
Konkrete Ansatzpunkte für Praxis und Therapie
Die Studie liefert Hinweise, welche Maßnahmen das Erreichen und die Teilnahme an Behandlungen verbessern könnten. Wichtige Strategien zielen weniger auf Überredung als auf die Veränderung der subjektiven Wahrnehmung von Aufwand und Nutzen.
- Kurze, klar strukturierte Termine mit niedrigem organisatorischen Aufwand.
- Terminerinnerungen, die konkrete, unmittelbare Vorteile betonen (z. B. „kurze Kontrolle, schnelle Entlastung“).
- Visualisierungsübungen in der Therapie, um positive Erwartungen und Vorfreude zu stärken.
- Aufgaben in kleine, gut bewältigbare Schritte unterteilen (»kleine Siege« sichtbar machen).
- Einbindung von Angehörigen oder Case-Management zur Überbrückung initialer Barrieren.
Diese Maßnahmen sind pragmatisch und lassen sich oft ohne großen Aufwand in die Praxis integrieren. Wichtig ist, sie nicht als alleinige Lösung, sondern als Ergänzung zu etablierten Behandlungsansätzen zu sehen.
Was die Studie nicht zeigt
Ob auffälliges Aufwandverhalten als Frühwarnzeichen für eine bevorstehende psychische Erkrankung dienen kann, blieb unklar: Personen mit nur erhöhtem Risiko unterschieden sich in der Analyse nicht zuverlässig von gesunden Kontrollgruppen. Die Erkenntnisse liefern damit eher Erklärungen für bestehende Motivationsprobleme als ein Werkzeug zur Früherkennung.
Die Autorinnen und Autoren betonen zudem, dass es sich um eine erste transdiagnostische Metaanalyse handelt. Aussagen über zugrundeliegende neuronale Mechanismen oder kausale Zusammenhänge erfordern weitere, grundlagenorientierte Forschung.
Warum das jetzt relevant ist: Angesichts steigender Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und knapper Praxisressourcen hilft das Verständnis für subjektive Aufwandsschätzungen, Ausfälle und Nichtinanspruchnahmen zu reduzieren — mit direkten Folgen für Behandlungsqualität, Praxisorganisation und Patientenwohl.
Quelle: Pillny, M. et al. (2026). Effort-based decision making in psychopathology: A transdiagnostic multilevel meta-analysis and systematic review. Psychological Bulletin. Advance online publication. DOI: 10.1037/bul0000510












