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- Was die Leitlinien sagen — und warum das jetzt relevant ist
- Frühzeitiges Überweisen und Prävention — Ökonomisch wie medizinisch sinnvoll
- Funktion vor Form: zentrale Befunde in der Frühbehandlung
- Hilfsmittel: was Apparaturen bewirken können
- Das Zungenbändchen — Diagnostik, Debatte, evidenzbasierte Praxis
- Diagnostik: interdisziplinär und individualisiert
- Operative Techniken und Nachsorge: vom Säugling bis zum Erwachsenen
- Konkrete Handlungsempfehlungen für Praxis und Eltern
Auf der 33. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnmedizin (DGKiZ) in Kassel rückten frühe kieferorthopädische Maßnahmen und ihre interdisziplinäre Verzahnung in den Mittelpunkt — gerade weil Indikationen und Versorgungsrealität auseinanderklaffen und Eingriffe wie das Frenotomie-Management jüngst stark zugenommen haben. Die Diskussionen zeigten: Timing, funktionelle Diagnostik und Abstimmung zwischen Zahnärzten, HNO-Ärzten und Logopäden entscheiden zunehmend über Langzeiterfolg und Versorgungsgerechtigkeit.
Tagungspräsidentin Dr. Dr. Julia Hinrichs‑Priller hatte das Motto „Vernetzt denken – erfolgreich therapieren“ ausgegeben; viele Referenten forderten explizit, die frühe Behandlung nicht isoliert nach Zahnbögen, sondern im Kontext von Atmung, Schlucken, Zungenfunktion und Haltungsstörungen zu planen. Entscheidend sei, welche Funktion das Kind jetzt brauche — und welche Maßnahmen wirklich nachweisbar nützen.
Was die Leitlinien sagen — und warum das jetzt relevant ist
Die aktuelle S3‑Leitlinie zur idealen Behandlungszeit kieferorthopädischer Anomalien bestimmt die Frühbehandlung als zeitlich begrenzte Intervention im Milch‑ und frühen Wechselgebiss, in der Regel vor dem zehnten Lebensjahr. Zweck der Frühbehandlung ist primär die Prävention von Fehlentwicklungen, die Hemmung ungünstiger skelettaler Wachstumsverläufe und die Korrektur schon manifestierter Störungen mit funktionellen Folgen.
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Parallel definiert die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung einen möglichen Behandlungsbeginn ab dem vierten Lebensjahr — mit Ausnahme unmittelbar nach Geburt erforderlicher Eingriffe bei Lippen‑Kiefer‑Gaumenspalten. Die Praxis zeigt allerdings eine Lücke zwischen Bedarf und Leistung: Daten der jüngsten Mundgesundheitsstudie weisen darauf hin, dass deutlich mehr Kinder eine indikationsbasierte Frühbehandlung bräuchten, als tatsächlich über die GKV abgerechnet wird.
Frühzeitiges Überweisen und Prävention — Ökonomisch wie medizinisch sinnvoll
Prof. Dr. Heike Korbmacher‑Steiner rief dazu auf, Risikokinder früh zu erkennen und rechtzeitig zur Kieferorthopädie zu überweisen. Ein präventives Vorgehen im Vorschulalter habe vergleichsweise geringe Kosten, könne aber aufwändigere spätere Therapien vermeiden und gesellschaftliche Folgekosten senken. Grundlage ist ein Screening, das Haltung, orofaziale Funktion und Form erfasst.

Die praktische Herausforderung: Screening und Überweisung sind uneinheitlich umgesetzt, sodass viele Kinder mit behandlungsbedürftigen Befunden nicht die erforderliche Frühintervention erhalten — private Abrechnungen bleiben hier unberücksichtigt.
Funktion vor Form: zentrale Befunde in der Frühbehandlung
Mehrere Vortragende betonten die Bedeutung der funktionellen Harmonisierung: Atmung, Lippenschluss, Schluckmuster, Zungenlage, Habits und Artikulation beeinflussen die knöcherne und weichteilige Entwicklung des Kiefers. Störbilder können sich über Jahre verstärken.
Ein häufig genanntes Beispiel: ein pathologisches Schluckmuster begünstigt offene Mundhaltung, einen hohen, schmalen Gaumen und Artikulationsstörungen. In einem vorgestellten Fall führte eine myofunktionelle Therapie mit regelmäßigen Übungen und dem Einsatz eines Face‑Former innerhalb weniger Monate zu deutlicher Besserung.
Hilfsmittel: was Apparaturen bewirken können
Mechanische oder stimulative Platten und Prothesen werden nicht als Selbstzweck gesehen, sondern als Teil einer funktionell ausgerichteten Therapie. Der Face‑Former kann etwa Mundschluss, Lippenkraft und Schluckverhalten positiv beeinflussen. Für Kinder mit Down‑Syndrom ist die nach Castillo‑Morales konzipierte Stimulationsplatte ein etabliertes Instrument zur Förderung muskulärer Funktionen bei Hypotonie.

- Verbesserung von Mundschluss und Lippenstärke
- Unterstützung von Zungenlage und Schluckmuster
- Zusätzliche neuromuskuläre Stimulation bei hypotonen Kindern
Das Zungenbändchen — Diagnostik, Debatte, evidenzbasierte Praxis
Die Fokussierung auf das Zungenbändchen hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen: Mehr Operationen, intensivere öffentliche Diskussionen und widersprüchliche Stellungnahmen verschiedener Fachgesellschaften prägen die Lage. Dr. Ulrike Uhlmann warnte vor einer Polarisierung zwischen interventionsfreudigen Spezialisten und zurückhaltenden großen Fachgremien (etwa aus Pädiatrie und HNO).
Wissenschaftlich liegt bislang nur begrenzte Evidenz für dauerhafte Vorteile von Frenotomien vor; stärkere Hinweise existieren nur für kurzfristige Verbesserungen beim Stillen. Deshalb forderte Uhlmann ein interdisziplinäres, evidenzorientiertes Vorgehen und betonte: eine Operation sollte erst erwogen werden, wenn klare funktionelle Einschränkungen dokumentiert sind.
Diagnostik: interdisziplinär und individualisiert
Die Referentinnen plädierten für eine differenzierte Abklärung: Funktion vor Ästhetik, individuelle Problemanalyse und enge Zusammenarbeit mit Logopäden, HNO‑Ärzten und Pädiatern. Bei Säuglingen kann bereits konservative myofunktionelle Therapie sinnvoll sein — gezielte Übungen zur Zungenmobilität und Stillberatung sind oft erste Schritte.
Nur bei fortbestehender, deutlicher funktioneller Beeinträchtigung sollte eine operative Lösung folgen — und selbst dann mit begleitender funktioneller Rehabilitation.
Operative Techniken und Nachsorge: vom Säugling bis zum Erwachsenen
Dr. Anita Beckmann unterschied die klassische Frenotomie (vollständiges Durchtrennen, meist ohne Naht bei Säuglingen) von der funktionellen Frenuloplastik bei älteren Kindern und Erwachsenen, die unter Sedierung und mit Nahtversorgung erfolgt. Bei Kleinkindern nannte sie oft eine partielle Freilegung als Kompromiss. In jedem Fall sei eine strukturierte Nachsorge wichtig, um Narbenbildung und Wiederanhaftung zu vermeiden — was bei Säuglingen logistisch anspruchsvoll sein kann.
Mehrere Vortragende wiesen darauf hin, dass weniger das verwendete Instrument zähle, sondern die Erfahrung und Technik des Operateurs. Zwar zeigen große Kohortenstudien sehr niedrige Komplikationsraten, doch berichten Kliniken zunehmend über problematische Wundheilungen nach einem deutlichen Anstieg an Eingriffen.
Konkrete Handlungsempfehlungen für Praxis und Eltern
- Frühscreening (Haltung, Atmung, Schlucken, Zungenlage) in der zahnärztlichen und ärztlichen Versorgung implementieren.
- Bei erkennbaren funktionellen Störungen frühzeitig an Kieferorthopädie und Logopädie überweisen.
- Konservative, myofunktionelle Maßnahmen vor operativen Eingriffen einsetzen, wenn möglich.
- Interdisziplinäre Fallbesprechungen (Pädiatrie, HNO, Kieferorthopädie, Logopädie) etablieren.
- Operative Maßnahmen nur bei klar belegter funktioneller Indikation und mit anschließender funktioneller Nachbehandlung planen.
Für Eltern heißt das konkret: Ärztliche Meinungsverschiedenheiten sind kein Grund zur Panik, sondern Anlass, informierte, interdisziplinäre Zweitmeinungen einzuholen und zunächst konservative Optionen zu prüfen.
Die Tagung machte deutlich, dass die Versorgungssituation in Deutschland Reformbedarf hat: bessere Früherkennung, engere fachübergreifende Kooperationen und klarere, evidenzbasierte Algorithmen könnten Versorgungslücken schließen und unnötige Eingriffe vermeiden.
Autorin: Dagmar Kromer‑Busch, Köln
Wichtige Quellen (Auswahl)
Aktuelle S3‑Leitlinie zu idealen Behandlungszeitpunkten (DGKFO/DGZMK), Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS6), systematische Übersichtsarbeiten zur Zungenbändchentherapie und Cochrane‑Review zu Frenotomien bei Neugeborenen.











