Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen
Auf der 33. Jahrestagung der DGKiZ in Kassel haben Expertinnen aus der Kinder- und Jugendzahnmedizin diskutiert, wie allgemeine Praxen Menschen mit besonderen Bedürfnissen besser versorgen können. Die Botschaft ist aktuell: mit einfachen Anpassungen, gezielter Vorbereitung und enger Einbeziehung von Bezugspersonen lässt sich die Behandlungsqualität deutlich verbessern – und damit auch die gesundheitliche Teilhabe dieser Patientengruppe.
Vorbereitung beginnt vor dem ersten Termin
Die behandelnden Teams sollten sich vorab nicht auf vorgefasste Meinungen verlassen, sondern jede Situation neu einschätzen. Entscheidend sind eine offene Grundhaltung und sorgfältige Beobachtung beim ersten Kontakt.
Elterliche Hinweise liefern oft wichtige Details, ohne dass lange Nachfragen nötig sind. Ebenso hilfreich sind Informationen über Alltagssituationen: Wie läuft die Körperpflege, welche Rituale sind vertraut, was löst Unruhe aus? Diese Angaben erlauben, Behandlungsabläufe an bereits bekannte Muster anzuknüpfen.
Long-COVID stört Mundflora: Neue Studie warnt vor möglichen Langzeitfolgen
Antibiotika in der Schwangerschaft notwendig: unbehandelte Infektionen gefährden Mutter und Kind
Praktische Anpassungen im Behandlungsalltag
Viele der in der Kinderzahnheilkunde etablierten Verhaltensführungs-Techniken lassen sich kreativ auf Patientinnen und Patienten mit kognitiven oder psychischen Besonderheiten übertragen. Wichtig ist, sensorische Präferenzen zu erkennen – welcher Sinneskanal ist zugänglich, welche Ansprache wirkt beruhigend?

Ein konkretes Beispiel: Eine Patientin mit Autismus reagierte positiv auf tiefe, ruhige Stimmlagen. Das Team nutzte ein leises, synchrones Summen als Signal zur Beruhigung; diese nicht-standardisierte, sehr einfache Technik reduzierte Stress und verbesserte die Kooperation.
Eltern und Bezugspersonen als Partner
Eltern oder sonstige Betreuungspersonen kennen Routinen und Trigger am besten. Ihre Einbindung ist nicht nur hilfreich, sondern oft notwendig, um passende Ritualabläufe in der Praxis zu etablieren und schrittweise Vertrauen aufzubauen.
Im Erstgespräch empfiehlt es sich, offen zu benennen, wenn eine Diagnose vorliegt, und dann konkret nach bisherigen Erfahrungen mit zahnärztlichen Maßnahmen zu fragen. So entsteht eine gemeinsame Basis für den weiteren Plan.
Behandlungsziele realistisch setzen
Für Patientinnen und Patienten mit besonderen Bedürfnissen gelten andere Prioritäten: Vollständige ästhetische Perfektion ist nicht immer das Ziel. Vielmehr geht es darum, eine Versorgung zu gewährleisten, die funktionell stabil ist und soziale Nachteile vermeidet.
Das bedeutet, Therapiepläne müssen eine klare Nutzen‑Risiko‑Abwägung enthalten – vor allem, wenn eine Narkose oder komplexe Eingriffe erwogen werden. Hier ist Transparenz gegenüber den Familien zentral: Was ist medizinisch notwendig, was ist kosmetisch wünschenswert, und welche Risiken sind vertretbar?
Prävention: schrittweise und kooperativ
Präventive Maßnahmen sollten in kleinen, erreichbaren Schritten aufgebaut werden. Ein Beispiel aus der Praxis: Bei einem jungen Mann wurde zuerst nur eine begrenzte Anzahl Zähne in einer Sitzung gereinigt, dann pausiert und erst später weitergearbeitet. Solche Etappen vermindern Überforderung und ermöglichen sukzessive Erfolge.

Die Praxis kann allein nicht alle Aufgaben schultern. Für wirksame Kariesprophylaxe sind die häusliche Mundhygiene und die Anleitung der betreuenden Personen genauso wichtig wie professionelle Maßnahmen. Kontinuität und regelmäßige Remotivation der Bezugspersonen sind entscheidend.
- Beobachten: Erstkontakt zur Einschätzung nutzen, nicht vorschnell handeln.
- Individualisieren: Behandlungsschritte an sensorische Präferenzen und Rituale anpassen.
- Kooperieren: Bezugspersonen in Schulung und Therapieplanung einbeziehen.
- Abwägen: Therapieziele nach Funktionalität und Vermeidung von Stigmatisierung priorisieren.
- Schrittweise aufbauen: Prävention und Behandlung in kleinen, erfolgreichen Etappen gestalten.
- Netzwerke nutzen: Austausch mit Selbsthilfegruppen und Fachkollegen suchen.
Kommunikation und Teamarbeit
Bei komplexem Behandlungsbedarf erarbeiten Teams interdisziplinäre Gesamtpläne und besprechen diese offen mit Familien. Klare Absprache darüber, was medizinisch sinnvoll ist und welche Erwartungen bestehen, reduziert Missverständnisse und baut Vertrauen auf.
Selbsthilfegruppen und spezialisierte Fortbildungen werden von den Expertinnen als wertvolle Quellen für praktisches Wissen und Alltagstipps hervorgehoben. Die Zusammenarbeit mit diesen Akteuren erleichtert den Transfer erprobter Strategien in die Routinepraxis.
Warum das jetzt wichtig ist
Die demografische Entwicklung und die Forderung nach inklusiver Gesundheitsversorgung machen das Thema Dringlichkeit: Praxisorganisation, Fortbildung und enge Kooperation mit Bezugspersonen sind Schlüssel, damit Menschen mit besonderen Bedürfnissen gleichberechtigten Zugang zur zahnmedizinischen Versorgung erhalten.
Mit kleinen, evidenzorientierten Anpassungen im Praxisalltag lassen sich Barrieren abbauen – das hat unmittelbare Folgen für Lebensqualität, Schmerzvermeidung und langfristige Mundgesundheit.
Zur Person
PD Dr. Katharina Bücher leitet stellvertretend die Sektion Kinder‑ und Jugendbehandlung an der Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und digitale Zahnmedizin des LMU‑Klinikums München.
apl. Prof. Dr. Ina M. Schüler (MME) steht der Sektion Präventive Zahnheilkunde und Kinderzahnheilkunde an der Poliklinik für Kieferorthopädie, Präventive Zahnheilkunde und Kinderzahnheilkunde des Universitätsklinikums Jena vor.
Das Interview führte Dagmar Kromer‑Busch im Anschluss an die Beiträge der beiden Expertinnen auf der DGKiZ‑Tagung in Kassel.











