Praxisgründung: Rebecca Otto erklärt, wie Führung und Teamkultur gelingen

Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen

Dr. Rebecca Otto verbindet Kinderzahnmedizin, Verbandsarbeit und Familienleben auf engem Raum – und zeigt damit, wie sich die Zahnarztbranche gerade wandelt. Ihre Positionen bei Dentista und in der Frauen-Gesundheitsarbeit machen deutlich: Wer heute über die Zukunft der Versorgung entscheidet, muss Frauen ernsthaft einbinden.

Zwischen Praxis, Verband und Familie

Otto leitet die einzige ausschließlich auf Kinder spezialisierten Zahnarztpraxis in Thüringen, engagiert sich ehrenamtlich in leitenden Funktionen und ist Mutter. Für sie gehören diese Rollen zusammen: Leitungskompetenz, betriebswirtschaftliches Entscheiden und Verantwortung gegenüber Patientinnen und Patienten sind in Praxis und Verband ähnliche Aufgaben.

Die tägliche Praxisarbeit, die Führung eines Teams und die Verbandsarbeit nähren einander – und prägen ihr Verständnis von Führung: nicht als Einzelkämpferinnen-Modell, sondern als geteilte Verantwortung.

Wie Gemeinschaft statt Konkurrenz entsteht

In Ottos Sicht ist die wichtigste Veränderung der letzten Jahre, dass Frauen nicht mehr nur Thema, sondern Gesprächspartnerinnen sind. Der Verband setzt bewusst auf Vernetzung, Austausch und konkrete Unterstützung für Zahnärztinnen: Dabei geht es weniger um Image als um verlässliche Rahmenbedingungen, etwa für Schwangerschaft und Praxisführung.

Als Präsidentin von Dentista treibt sie Initiativen voran, die Sichtbarkeit und Gründungserfolge fördern – jüngstes Beispiel ist der 2025 erstmals vergebene Female Founder Award, der Praxisgründerinnen auszeichnet, insbesondere jene in ländlichen oder ostdeutschen Regionen.

Teamkultur als Chefsache

In Ottos Praxis arbeiten rund zwanzig Frauen. Führung beginnt für sie an der Spitze: Bei Problemen fragt sie zuerst, ob die Leitung die richtige Weichenstellung vorgenommen hat. Ziel ist ein solidarisches Team, das auch persönliche Veränderungen auffängt.

Sie investiert in externe Beratung, um Abläufe und zwischenmenschliche Dynamiken weiterzuentwickeln. Das kostet Ressourcen, zahlt sich aber in weniger Fluktuation und mehr Bewerbungen aus.

Kinderzahnmedizin: gesellschaftlicher Mehrwert statt reiner Rendite

Otto begegnet der verbreiteten Einschätzung, Kinderzahnheilkunde sei wirtschaftlich unattraktiv, pragmatisch: Die Disziplin bringt nicht die höchsten Umsätze, hat für sie aber hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Ihr Anspruch ist präventiv und langfristig: Behandlung soll nachhaltig wirken, statt Symptome immer wieder zu adressieren.

Eltern erwartet sie mit klaren Worten: Karies ist in vielen Fällen Folge des Alltags und nicht unabwendbares Schicksal. Kinder können nicht für sich sprechen – deshalb sieht Otto die Praxis auch als Fürsprecherin für die Jüngsten.

Praktische Empfehlungen für Gründerinnen

  • Wer gründet, gewinnt Gestaltungsfreiheit: Entscheidungen über Team, Material und Arbeitszeiten bleiben bei der Eigentümerin.
  • Finanzielle Risiken werden oft überschätzt – Insolvenzquoten von Praxen sind niedrig; Otto selbst startete mit hoher Verschuldung und ist heute schuldenfrei.
  • Teamkultur erfordert aktive Arbeit: Coaching und gezielte Personalentwicklung lohnen sich langfristig.
  • ZFA sind Schlüsselpersonen – klare Anerkennung, faire Bezahlung und Entwicklungsmöglichkeiten erhöhen Bindung.

Digitalisierung und Personalentwicklung

Viele junge Mitarbeitende bringen digitale Kompetenzen mit, doch persönliche Gesprächsfähigkeit bleibt wichtig. In Ottos Praxis werden digitale Tools eingesetzt – von automatisierten E‑Mail-Workflows bis hin zu Telefon‑KI – um administrative Last zu verringern und Zeit für die Patientenbetreuung zu gewinnen.

Gleichzeitig plädiert sie für generationenübergreifende Zusammenarbeit: Die Fähigkeiten verschiedener Altersgruppen ergänzen sich, wenn man sie bewusst nutzt.

Standespolitik und Sichtbarkeit

Seit 2009 ist Otto in der standespolitischen Arbeit aktiv. Ihr Antrieb: Frauen müssen mitentscheiden, statt nur vertreten zu werden. Mentoring ist ein wichtiger Hebel, um mehr Kolleginnen in Verantwortung zu bringen und langfristig die Gremien vielfältiger zu besetzen.

Sie betont auch die Rolle von Männern im Netzwerk: Parität soll nicht als Ausschluss, sondern als Bereicherung verstanden werden, weil unterschiedliche Lebensrealitäten die Diskussion um Arbeitszeiten und Vereinbarkeit verbessern.

Blick nach vorn

In zwei Jahren feiert der Verband sein zwanzigjähriges Bestehen. Otto wünscht sich eine zahnärztliche Selbstverwaltung, die diverser besetzt ist, sowie eine starke weibliche Stimme in allen Gremien. Für die Versorgungspraxis bedeutet das: mehr Strukturen, in denen Beruf und Familie vereinbar sind – und bessere Anreize für Niederlassungen vor allem in unterversorgten Regionen.

Persönlich sorgt sie dafür, dass ihr Engagement nicht ausbrennt: Auszeiten sind geplant, Termine werden geblockt. Dieses Jahr bleibt der Dezember ausschließlich in der Familie – ein bewusst gesetzter Ruhepol.

Was das für Patientinnen, Praxen und Politik bedeutet

  • Für Patientinnen und Patienten: Mehr weibliche Führung in Praxen kann die Versorgung langfristig stabilisieren.
  • Für Praxisgründerinnen: Selbstständigkeit bietet Gestaltungsspielraum und ist finanziell oft weniger riskant als angenommen.
  • Für die Gesundheitspolitik: Es braucht Rahmenbedingungen, die Gründungen in ländlichen Regionen erleichtern und Vereinbarkeit fördern.

Dr. Rebecca Otto steht für ein Modell, das Praxisführung, Gemeinsinn und Familienalltag nicht als Widerspruch, sondern als gestaltbaren Alltag begreift. Ihre Botschaft ist aktuell: Nur wer Frauen eine Stimme gibt, kann die Versorgung der Zukunft sichern.

Geben Sie Ihr Feedback

Seien Sie der Erste, der dieser Beitrag bewertet
oder hinterlassen Sie eine detaillierte Bewertung



Chance Praxis ist ein unabhängiges Medium. Unterstützen Sie uns, indem Sie uns zu Ihren Google News Favoriten hinzufügen:

Kommentar posten

Kommentar veröffentlichen