Startups im Familienfokus: Kinder verwandeln Pitches in Spektakel

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Im April 2025 öffnete in Frankfurt eine ungewöhnliche Zahnarztpraxis ihre Türen: ZAHN.RAUM von Dr. Anna Haag kombiniert moderne Zahnmedizin mit einem bewusst anders gestalteten Empfangsbereich – und steht damit exemplarisch für einen Gründerweg, der Planung, Geduld und persönliche Kompromissbereitschaft erforderte. Die Geschichte dahinter zeigt, wie Standortwahl, Architektur und Teamkultur zusammenwirken, um Patientinnen und Patienten neu anzusprechen.

Die Idee zur Praxis war kein spontaner Einfall, sondern ein mehrjähriger Prozess. Gemeinsam mit ihrem Mann beobachtete Haag ungenutzte Gewerbeflächen in einem neuen Wohnquartier und erkannte darin ein Potenzial: zentral gelegen, gut angebunden und mit einer attraktiven Zielgruppe vor der Haustür. Entscheidend wurde, dass die Flächen trotz ursprünglicher Zweckbindung längere Zeit leer standen – ein Umstand, der das Projekt überhaupt erst möglich machte.

Ein Praxiskonzept gegen das Klischee

Von Beginn an wollte Haag bewusst Abstand vom typischen Zahnarzt-Interieur nehmen. Die Vision: Räume, die eher an ein Café oder eine Hotellobby erinnern als an eine sterile Behandlungsumgebung. Daraus entwickelte sich ein Konzept mit offenem Wartebereich, hohem Deckenraum und warmen Farben, das Patientinnen und Patienten beim Betreten ein neues Gefühl vermitteln soll.

Die Ausarbeitung dieses Konzepts erfolgte in enger Abstimmung mit Architekten und Praxisplanern. Parallel mussten rechtliche Grenzen, Hygienestandards und datenschutzrechtliche Vorgaben berücksichtigt werden – besonders wichtig, weil ursprünglich auch die Kombination mit einer Gastronomieidee diskutiert worden war.

Verhandlungen, Genehmigungen, Zeitplan

Die administrativen Hürden zogen sich: Mietvertragsgespräche dauerten nahezu ein Jahr, die Umnutzung der Fläche musste beim Bauamt beantragt und schließlich genehmigt werden. Erst im Herbst 2024 lag die Baugenehmigung vor; im April 2025 wurde eröffnet. Die langen Verhandlungsphasen zeigen, wie stark Praxisgründungen von dritter Seite – Vermieter, Ämter, Behörden – abhängig sind.

Haag betont, dass Durchhaltevermögen und strategisches Timing entscheidend waren: punktueller Druck in den Verhandlungen, gut ausgearbeitete Grundrisspläne und eine belastbare Machbarkeitsstudie zeigten dem Vermieter und den Behörden, dass das Vorhaben tragfähig ist.

Was Patientinnen und Patienten konkret erwarten können

Die neue Praxis setzt auf eine patientenzentrierte Erfahrung: kürzere Wege, eine entspannte Ankunftssituation und eine Innenausstattung, die das Angstempfinden reduziert. Technisch investierte Haag in moderne Ausstattung und digitale Arbeitsabläufe, um Behandlungstermine effizienter und transparenter zu gestalten.

  • Offener Empfang statt geschlossener Rezeption – um Ankommen und Informieren zu erleichtern.
  • Helle, hohe Räume mit gezielter Akustikplanung für eine ruhigere Atmosphäre.
  • Digitale Praxissteuerung zur Vermeidung langer Wartezeiten und zur besseren Organisation von Abläufen.
  • Fokus auf Hygienestandards und Datenschutz, angepasst an die Umnutzung der Flächen.

Team und Führung: mehr als Handwerk

Für Haag war es wichtig, nicht nur Mitarbeiterinnen einzustellen, sondern eine verlässliche, vertraute Arbeitsgemeinschaft zu formen. Sie holte Kolleginnen aus früheren beruflichen Stationen zurück und setzt auf eine Führungskultur, die offener und digitaler arbeiten will als die klassischen Praxisstrukturen, die sie zuvor erlebt hatte.

Die Zahnärztin gibt zu, dass die Doppelrolle als Mutter und Praxisgründerin anspruchsvoll ist. Die Elternzeit nach dem zweiten Kind nutzte sie intensiv zur Projektplanung; seit der Eröffnung zeichnet sich ab, dass die Selbstständigkeit ihr neue Energie und Widerstandskraft gebracht hat – wenn auch auf Kosten persönlicher Freiräume.

Praktische Lektionen für angehende Gründer

Aus dem Gründungsprozess lassen sich konkrete Erkenntnisse ableiten, die für andere Praxisgründer relevant sind.

  • Frühzeitig prüfen, ob eine Umnutzung möglich ist; informelle Signale von Behörden können helfen, rechtzeitig konkrete Pläne zu entwickeln.
  • Eine starke Machbarkeitsstudie öffnet Türen bei Vermietern und Ämtern.
  • Teamaufbau mit Vertrauten reduziert Anlaufrisiken und beschleunigt Prozesse.
  • Design und Patientenerlebnis sind heute genauso Teil der Praxisstrategie wie medizinische Qualität.

Für die Frankfurter Nachbarschaft bedeutet die neue Praxis eine zusätzliche Anlaufstelle für zahnmedizinische Versorgung in einem wachsenden Quartier. Für die Branche ist das Projekt ein Beispiel dafür, wie sich klassische Praxiskonzepte an veränderte Erwartungen anpassen – etwa an Komfort, Digitalität und eine stärkere Orientierung an Alltagserfahrungen der Patientinnen und Patienten.

Rückblickend beschreibt Haag den Weg als persönlichen Lernprozess: Mutige Entscheidungen, eine klare Vision und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, waren für sie entscheidend. Die Eröffnung von ZAHN.RAUM signalisiert nicht nur eine neue Praxis vor Ort, sondern auch einen möglichen Ausblick, wie Zahnmedizin in Zukunft auftreten kann – offener, designbewusster und stärker auf das Erlebnis der Patienten ausgerichtet.

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