Gesundheitspolitik neu ausrichten: klare Ziele schaffen, Versorgung sichern

Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen

Am 6. September entscheidet Mecklenburg‑Vorpommern über einen neuen Landtag – und damit auch über die politischen Rahmenbedingungen für die Gesundheitsversorgung in einem der am dünnsten besiedelten Bundesländer. Für viele Bewohner sind lange Wege zur Ärztin oder zum Arzt Alltag; die Landeszahnärztekammer warnt, dass sich die zahnmedizinische Versorgung gerade auf dem Land nicht von allein stabilisiert.

Stefanie Tiede, Präsidentin der Landeszahnärztekammer Mecklenburg‑Vorpommern, zeichnet im Gespräch ein Bild von Solideit und Sorge zugleich: Hohe fachliche Standards stehen einem spürbaren Nachwuchs- und Strukturproblem gegenüber. Was das konkret bedeutet und welche Schritte aktuell gesetzt werden, fasst dieser Bericht zusammen.

Warum die Frage der Versorgung jetzt Wählerinnen und Wählern nahezustand

In Mecklenburg‑Vorpommern treffen demografischer Wandel, geringe Bevölkerungsdichte und Praxisabgänge aufeinander. Das hat unmittelbare Folgen: Wer in entfernten Dörfern lebt, hat oft weitere Anfahrten zu Fachbehandlungen, Hausbesuche gewinnen an Bedeutung, und die Nachbesetzung frei werdender Praxen gestaltet sich zunehmend schwierig. Kurz: Für viele Menschen ist die zahnärztliche Erreichbarkeit eine lebendige Alltagsthematik – und damit auch ein politischer Prüfstein vor der Landtagswahl.

Standortbestimmung: Versorgung auf hohem Niveau, aber unter Druck

Tiede betont, dass die zahnmedizinische Versorgung fachlich grundsätzlich stabil ist. Zugleich nennt sie zentrale Risiken: schrumpfendes und alterndes Arztpersonal, Abwanderung junger Menschen aus ländlichen Regionen sowie die Schwierigkeit, Praxisnachfolger zu finden. Deshalb sei die Sicherung wohnortnaher Angebote keine Selbstverständlichkeit, sondern eine laufende Aufgabe für Politik und Selbstverwaltung.

Besonders kritisch wirkt eine bevorstehende Ruhestandswelle: In den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der Vertragszahnärzte deutlich, und weitere Inhaberinnen und Inhaber stehen vor dem Ruhestand. Die Kammer setzt auf eine Kombination aus Praxisförderung, Beratung und Nachwuchsmaßnahmen, um dem entgegenzuwirken.

Welche Instrumente jetzt im Einsatz sind

  • Niederlassungsberatung und Informationsveranstaltungen (z. B. „Tag der Chancen“) für Existenzgründer.
  • Förderungen aus regionalen Strukturfonds und kommunale Unterstützung bei Standortattraktivität.
  • Schulungen für Praxisabgebende, um Nachfolgestrategien frühzeitig zu planen (Assistenzmodelle, Anstellungen).
  • Kooperationen mit Hochschulen und Auswahlverfahren, die Praxisvertreter in die Jury einbinden.
  • Pilotprojekte für digitale Vorabdiagnostik und aufsuchende Versorgungsangebote, besonders für Pflegeheime.

Landeszahnärztliche Eingriffe: Landzahnarztquote, Zulassungssperren, MVZ

Rechtlich markant sind zwei aktuelle Entwicklungen: Der Landesausschuss hat in Einzelfällen eine Unterversorgung festgestellt – etwa im Planungsbereich Ludwigslust‑Parchim (Feststellung Dezember 2024) und für Teile Nordwestmecklenburg (April 2026). Solche Feststellungen öffnen Instrumente wie die Landzahnarztquote: Ab Wintersemester 2026/27 sind je vier Studienplätze in Rostock und Greifswald vorgesehen, die über diese Quote vergeben werden sollen.

Tiede begrüßt die Erweiterung der Quote auf die Zahnmedizin als einen von mehreren Bausteinen, mahnt aber zugleich zur Geduld: Das Auswahlverfahren startet erst, und eine belastbare Bewertung der Wirksamkeit lässt sich erst nach einigen Durchläufen vornehmen. Positiv hervorgehoben wird, dass in die Auswahlpraxis praktizierende Landzahnärzte als Juroren einbezogen werden – ein Versuch, Ausbildung und spätere Praxisrealität enger zu verknüpfen.

Diskutiert werden außerdem Zulassungssperren und kommunale Gesundheitszentren. Tiede sieht in beiden Ansätzen Chancen, warnt aber vor Nebenwirkungen: Eingriffe in Zulassungsverfahren berühren die Berufsfreiheit und können bestehende Versorgungsstrukturen verzerren. Kommunale MVZ können ergänzen, sollten aber nicht pauschal die freiberufliche Hauszahnarztpraxis ersetzen. Die Kammer plädiert für einen ausgewogenen Mix statt für einzelne, alleinstehende Maßnahmen.

MVZ‑Szene in MV: begrenzter Einfluss von Investoren

In Mecklenburg‑Vorpommern bleiben medizinische Versorgungszentren (MVZ) insgesamt ein Randphänomen; investorengetragene MVZ spielen derzeit kaum eine Rolle. Die Kammer betont, dass zahnärztlich geführte MVZ miteinander vereinbar sind, solange sie fachliche Unabhängigkeit und Patientenwohl sichern. Anderslautende Investorenmodelle werden kritisch gesehen, weil wirtschaftliche Steuerungsinteressen die Behandlungsentscheidungen stärker beeinflussen könnten.

Maßnahme Ziel Umsetzungsstand / Wirkung
Landzahnarztquote Studienplätze für Bewerber mit Rückverpflichtung zur Landpraxis Start WS 2026/27 (Rostock, Greifswald); erstes Auswahlverfahren angelaufen
Anerkennung ausländischer Abschlüsse Schnellere Integration qualifizierter Fachkräfte Bundesgesetz beschlossen; entlastet Verfahren, ersetzt aber nicht regionale Anreize
Niederlassungsförderung & Beratung Praxisnachfolge sichern, Neugründungen erleichtern Laufende Maßnahmen: Beratung, Seminare, Strukturfonds
Digitale Vorabdiagnostik / Hausbesuche Effizientere Betreuung älterer und immobiler Patientinnen Pilotprojekte laufen; Ergänzung, kein Ersatz für Zahnärztin/Zahnarzt

Fachkräfte, Ausländeranerkennung und Stipendien‑Debatte

Die schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse gilt als sinnvoller Hebel, um kurzfristig zusätzliche Behandler verfügbar zu machen. Tiede weist jedoch darauf hin, dass allein formale Anerkennung nicht ausreicht: Integration braucht Zeit, Sprachförderung, fachliche Einarbeitung und attraktive Lebensbedingungen vor Ort. Langfristig bleibt die Ausbildung eigener Nachwuchskräfte im Land das nachhaltigste Instrument.

Vorgeschlagene Stipendien für Auslandsstudien mit Rückkehrpflicht werden kritisch geprüft: Sie könnten kurzfristige Engpässe lindern, aber die Frage bleibt, ob Ausbildungsplätze dauerhaft besser innerhalb Mecklenburg‑Vorpommerns geschaffen werden sollten.

Alte Gesellschaft, veränderte Versorgungsbedarfe

Mit einem der höchsten Durchschnittsalter in Deutschland steigt der Anteil pflegebedürftiger und mobilitätseingeschränkter Menschen. Die Konsequenz: Die zahnmedizinische Versorgung orientiert sich stärker an aufsuchenden Angeboten, Kooperationen mit Pflegeeinrichtungen und der Schulung von Pflegekräften in Mundgesundheit. Ziel ist, Pflegepersonal zu befähigen und zahnärztliche Ressourcen effizienter einzusetzen, ohne die Qualitätsstandards zu senken.

Gleichzeitig testet man digitale Screening‑Verfahren, um Behandlungsbedarf frühzeitiger zu erkennen und Ressourcen gezielter einzusetzen. Diese Technologien sollen die Ärztinnen und Ärzte unterstützen, nicht ersetzen.

Aufgaben für die Politik nach der Wahl

Tiede fordert einen dialogorientierten Austausch zwischen Politik, Verwaltung und Selbstverwaltung: Entscheidungen sollten praxisnah geprüft und ihre Umsetzbarkeit vor Ort mitgedacht werden. Ihrer Ansicht nach hat sich die gemeinsame Selbstverwaltung bewährt; Reformvorschläge müssen daran gemessen werden, ob sie die Versorgung tatsächlich verbessern oder nur formal Zuständigkeiten verschieben.

Für die kommende Legislatur wünscht sich die Kammer vor allem verlässliche Rahmenbedingungen, planbare Förderinstrumente und ein Bekenntnis zur Ausbildung und Bindung junger Zahnärzte – damit die Werbezeile „MV tut gut“ mehr bleibt als ein Slogan.

Wer ist Stefanie Tiede? Die 2021 gewählte Präsidentin der Landeszahnärztekammer MV hat in Greifswald studiert, ist Fachzahnärztin für Oralchirurgie und leitet eine Praxis in Rostock; ihre Perspektiven verbinden praktische Erfahrung mit berufsständischer Verantwortung.

Geben Sie Ihr Feedback

Seien Sie der Erste, der dieser Beitrag bewertet
oder hinterlassen Sie eine detaillierte Bewertung



Chance Praxis ist ein unabhängiges Medium. Unterstützen Sie uns, indem Sie uns zu Ihren Google News Favoriten hinzufügen:

Kommentar posten

Kommentar veröffentlichen