Forschung und Ausbildung voran: Versorgung wird jetzt praxisnäher geplant

Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen

Auf der Jahrestagung des European College of Gerodontology in Köln wurde ein neues Bewertungsmodell für die zahnmedizinische Versorgung älterer Menschen vorgestellt – ein Schritt, der Forschung, Ausbildung und Praxis enger verbinden könnte. Kurzfristig ist das Konzept noch ein wissenschaftliches Werkzeug, mittelfristig hat es das Potenzial, Betreuungspfade und interdisziplinäre Zusammenarbeit greifbar zu verändern.

Was steckt hinter dem neuen Rahmen?

Ein internationales Expertengremium aus mehr als einem Dutzend Ländern hat ein systematisches Konzept erarbeitet, das ältere Patientinnen und Patienten nach mehreren relevanten Dimensionen erfasst. Der Ansatz orientiert sich formal an bereits etablierten Klassifikationen in anderen zahnmedizinischen Bereichen: Er unterscheidet ein Staging zur Beschreibung des gegenwärtigen Zustands und ein Grading zur Einschätzung des weiteren Verlaufs.

Die Arbeitsgruppe traf sich zuletzt Ende August 2025 in Genf, nachdem eine Reihe systematischer Übersichtsarbeiten die Grundlage für die Auswahl relevanter Kriterien gelegt hatte. Ziel war es, eine gemeinsame Sprache zu finden, mit der klinische Situationen international vergleichbar werden.

Warum ist das jetzt relevant?

Die Bevölkerung altert; gleichzeitig variieren Erhebungsmethoden und Versorgungsstandards weltweit stark. Ein einheitliches Instrument könnte Forschungsergebnisse vergleichbar machen, die Ausbildung Richtung ganzheitlicher Betrachtung lenken und klinische Entscheidungen konsistenter unterstützen. Für Ärztinnen, Pflegekräfte und Pflegende wäre das eine gemeinsame Basis, um Bedürfnisse gezielter abzustimmen.

Was erfasst das Framework?

Der vorgeschlagene Rahmen umfasst mehrere Achsen – vom Allgemeinzustand bis zu sozialen Faktoren. In seiner Vollfassung benötigt die Erhebung rund 30 bis 40 Minuten, weshalb die Entwickler eine verkürzte Form für den Praxisbetrieb planen.

  • Allgemeingesundheit – Komorbiditäten, funktioneller Status
  • Funktionsniveau – Mobilität, kognitive Fähigkeiten, Frailty
  • Mundgesundheit – Restbezahnung, aktive Erkrankungen
  • Orale, systemische und sozioökonomische Risikofaktoren
  • Selbstständigkeit bei der Mundpflege und notwendige Unterstützung

Auswirkungen auf Praxis, Forschung und Lehre

Für die klinische Praxis wird vor allem die Kurzversion entscheidend sein. Die Langfassung dient der Identifikation belastbarer Indikatoren, die anschließend auf ihre Praxistauglichkeit geprüft werden. In der Forschung eröffnet ein einheitliches Klassifikationsschema die Möglichkeit, Studien über Ländergrenzen hinweg zu vergleichen und Evidenz gezielter aufzubauen.

In der Lehre kann das Modell dazu beitragen, dass Studierende früh die Wechselwirkungen zwischen allgemeinem Gesundheitszustand und oralen Befunden lernen – statt nur einzelne Zähne isoliert zu betrachten.

Welche Hürden bleiben?

Die Autoren nennen zwei zentrale Prüfsteine: Erstens die **Zuverlässigkeit** des Instruments – kommen verschiedene Anwenderinnen beim gleichen Fall zu ähnlichen Einstufungen? Zweitens die **prädiktive Validität** des Gradings – sagen die eingetragenen Risikofaktoren wirklich voraus, welche Patientinnen sich verschlechtern werden?

Erste Validierungsstudien starten derzeit; realistische Schätzungen gehen davon aus, dass eine praxistaugliche Version in etwa zwei bis drei Jahren vorliegen könnte. Parallel sollen aus den Einstufungen Behandlungsempfehlungen und mögliche Recall-Intervalle abgeleitet werden, die sich dann in klinischen Studien überprüfen lassen.

Praktische Konsequenzen für die Versorgung

Langfristig könnte das System dazu beitragen, Therapiepläne und Nachsorge individueller zu gestalten – und damit potenziell auch Vergütungsmodelle stärker an den tatsächlichen Versorgungsaufwand anzupassen. Besonders relevant bleibt die Versorgung von pflegebedürftigen Menschen, die zu Hause leben: Hier bestehen nach wie vor Lücken, nicht zuletzt wegen organisatorischer und abrechnungstechnischer Hindernisse.

Weiteres Vorgehen und Veröffentlichung

Die Initiatoren betonen, dass die jetzige Version vornehmlich als Forschungsinstrument gedacht ist. Eine Short-Form für den Praxisgebrauch soll nach der Validierung entwickelt werden. Die vollständige Beschreibung des Frameworks erscheint demnächst in einer Sonderausgabe des Fachjournals Gerodontology.

Wichtig in Kürze:

  • International abgestimmtes Erhebungsmodell für ältere Patientinnen und Patienten
  • Unterscheidung in Staging (aktueller Zustand) und Grading (Prognose/Risiko)
  • Langfassung für Forschung, verkürzte Version für die Praxis geplant
  • Validierungsstudien laufen; praxistaugliche Tools in 2–3 Jahren möglich

Prof. Dr. Falk Schwendicke, Initiator des Vorhabens, leitet die Poliklinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und digitale Zahnmedizin an der LMU München. Seine Forschungsfelder umfassen zahnmedizinische Diagnostik, Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie; er ist in mehreren internationalen Gremien aktiv. Das neue Framework soll nun zeigen, ob es die Brücke zwischen Forschung und Alltagspflege bauen kann.

Bericht: Dagmar Kromer-Busch, Köln

Geben Sie Ihr Feedback

Seien Sie der Erste, der dieser Beitrag bewertet
oder hinterlassen Sie eine detaillierte Bewertung



Chance Praxis ist ein unabhängiges Medium. Unterstützen Sie uns, indem Sie uns zu Ihren Google News Favoriten hinzufügen:

Kommentar posten

Kommentar veröffentlichen