Zahnreport 2026: dringender Handlungsbedarf für Patienten und Politik

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Der kürzlich vorgestellte Zahnreport 2026 des Barmer-Instituts zeigt deutliche Fortschritte bei der zahnärztlichen Betreuung in Pflegeheimen – zugleich offenbaren die Daten eine alarmierende Lücke bei der Versorgung zu Hause lebender Pflegebedürftiger. Warum das wichtig ist: Ohne rasche Gegenmaßnahmen droht eine dauerhafte Unterversorgung einer wachsenden, besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppe.

Was die Zahlen sagen

Der Report analysiert die Wirkung neuer Abrechnungspositionen im BEMA, die seit 2013 angeboten werden. Deutlich sichtbar ist ein starker Anstieg bei der Nutzung der BEMA‑Nummer 155 – also dem Besuch weiterer Pflegebedürftiger in derselben stationären Einrichtung. Die Inanspruchnahme dieser Leistung wächst seit Jahren kontinuierlich.

Dem gegenüber steht die BEMA‑Nummer 154, die für den Erstbesuch in einer Einrichtung gilt: Hier fällt der Zuwachs marginal aus, auf niedrigem Niveau. Das bedeutet: Zwar betreuen Zahnärztinnen und Zahnärzte pro Heimbesuch inzwischen mehr Patientinnen und Patienten, doch werden nicht wesentlich mehr Heime überhaupt erstmals erreicht.

Ein weiterer Befund: Die Anzahl von Kooperationsverträgen zwischen Praxen und Pflegeeinrichtungen nimmt zu. Ende 2024 waren nach Angaben der KZBV bundesweit rund 7.557 Verträge registriert – ein Plus von etwa 9,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Trotzdem besteht noch deutliches Potenzial: Knapp 46 Prozent der Einrichtungen sind abgedeckt, mehr als die Hälfte also nicht.

Ambulante Versorgung bleibt defizitär

Besonders besorgniserregend ist die Lage für Pflegebedürftige, die ambulant betreut werden. Laut Report hat die Zahl der ambulant versorgten Patientinnen und Patienten, die präventiv zahnärztlich betreut werden, nicht nur ein niedriges Ausgangsniveau, sie ist zwischen 2013 und 2024 sogar weiter gesunken.

Der Autor des Reports, Prof. Dr. Michael Walter, betonte bei der Präsentation, dass hier unmittelbarer Handlungsbedarf bestehe: Aufsuchende Versorgung finde im ambulanten Bereich praktisch kaum statt.

Warum ambulante Betreuung so selten ist

Mehrere Faktoren steuern in dieselbe Richtung: Oft fehlt Wissen über die Besuchsmöglichkeiten durch Zahnärztinnen und Zahnärzte – ein Informationsdefizit, das offenbar auch professionelle Pflegedienste betrifft. Hinzu kommen betriebswirtschaftliche Hürden: Die Logistik bei häuslichen Besuchen ist aufwendiger und zeitintensiver als in der Praxis, was die Rentabilität infrage stellt.

Ein weiterer Punkt sind Hemmungen jüngerer Kolleginnen und Kollegen gegenüber der aufsuchenden Arbeit; die neue zahnärztliche Approbationsordnung legt zwar stärkeres Gewicht auf Seniorenzahnmedizin, doch die ersten Absolventengenerationen daraus stehen noch am Anfang. Ob und wann dies die Versorgungslage merklich verbessert, bleibt offen.

  • Hemmnisse: Informationslücken, zeitlicher/organisatorischer Mehraufwand, wirtschaftliche Anreize fehlen, subjektive Berührungsängste.
  • Konsequenzen: Wachsendes Risiko für unbehandelte Karies, Parodontalerkrankungen und damit verbundene Allgemeinerkrankungen bei vulnerablen älteren Menschen.

Forschung und Ausbildung: Erste Impulse

Trotz der kritischen Befunde tut sich in der Seniorenzahnmedizin etwas: Auf der Jahrestagung des European College of Gerodontology wurde jüngst das neue „Staging and Grading Framework Gerodontology“ vorgestellt. Die Initiative zielt darauf ab, den Gesundheitszustand älterer Erwachsener systematischer zu erfassen und damit Forschung, Versorgung und Lehre besser zu verknüpfen.

Solche Instrumente können helfen, Bedarfe präziser zu identifizieren und Versorgungsmodelle zielgerichteter zu gestalten. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung, neues Wissen in die Praxis zu bringen – das heißt: Zusätzliche Anreize und organisatorische Lösungen zu schaffen, damit mehr Zahnärztinnen und Zahnärzte aufsuchend tätig werden.

Ansätze, die jetzt diskutiert werden

  • Gezielte Förderung von Kooperationsverträgen zwischen Praxen und Heimen, auch finanziell unterstützt.
  • Honorierungsmodelle, die aufsuchende Leistungen wirtschaftlich attraktiver machen.
  • Fortbildungsprogramme und Praxis-Tandems zur Senkung von Hemmschwellen bei jungen Zahnärztinnen und Zahnärzten.
  • Informationskampagnen für ambulante Pflegedienste und Angehörige über Besuchsoptionen und präventive Maßnahmen.

Die Zahlen des Zahnreports machen klar: Es reicht nicht, Ausbildungsinhalte zu ändern oder neue Frameworks zu entwickeln. Wenn die Versorgungslücke für ambulant Pflegebedürftige geschlossen werden soll, sind koordinierte Maßnahmen nötig – politisch, finanziell und organisatorisch. Andernfalls bleiben viele ältere Menschen oralgesundheitlich isoliert.

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