Antibiotika: Experten mahnen zu gezieltem Einsatz wegen steigender Resistenzen

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Antibiotika-Einsatz bei zahnärztlichen Eingriffen bleibt uneinheitlich: Internationale Leitlinien empfehlen unterschiedliche Indikationen und Wirkstoffe, und in Deutschland steht eine überarbeitete S3-Leitlinie für odontogene Infektionen mit Fertigstellung im September 2026 an. Warum das wichtig ist: Präzisere Vorgaben sollen unnötige Antibiotikagaben reduzieren und so dem wachsenden Problem der Resistenzen entgegenwirken.

Globale Unterschiede, deutsche Neuausrichtung

Studien zeigen, dass Empfehlungen zur prophylaktischen oder therapeutischen Antibiotikagabe in der Zahnmedizin weltweit stark variieren – sowohl inhaltlich als auch in methodischer Qualität. In Deutschland wird die seit 2021 nicht mehr aktuelle S3-Leitlinie erneuert; die Koordinatorin des Updates betonte auf dem Deutschen Zahnärztetag 2025, dass Diagnostik und Anamnese künftig eine zentralere Rolle spielen sollen.

Ein Schwerpunkt der Überarbeitung: chirurgische, ursächlich ausgerichtete Maßnahmen, die Infektionsquellen beseitigen und damit oft den Bedarf an systemischer Antibiose vermeiden können. Hintergrund ist die anhaltende Sorge über steigende Resistenzraten gegenüber gängigen Antibiotika.

Therapieempfehlungen: Was vorn steht

Für tatsächlich behandlungsbedürftige odontogene Infektionen gelten weiterhin Aminopenicilline (beispielsweise Amoxicillin mit Clavulansäure) als Erstwahl. Entscheidend ist jedoch die sorgfältige Abklärung der Indikation vor Beginn einer antimikrobiellen Therapie.

Bei Verdacht auf eine Penicillin-Allergie wird der PEN‑FAST-Score zur Risikoabschätzung empfohlen. Je nach Ergebnis unterscheiden sich die Alternativen:

  • Bei höherer Wahrscheinlichkeit einer Penicillin-Allergie (PEN‑FAST-Wert 3–5): Clindamycin wird häufig eingesetzt.
  • Bei geringerem Verdacht (PEN‑FAST 0–2): Kombinationen wie Cefuroxim plus Metronidazol können in Betracht gezogen werden.

Prophylaxe vor Eingriffen: Single‑shot reicht oft

Bei Routineeingriffen der oralen Chirurgie wird eine einmalige, präoperative Gabe – ein sogenannter Single‑shot – als ausreichende Prophylaxe diskutiert. Eine beobachtende Studie aus Düsseldorf mit mehreren hundert Patientinnen und Patienten fand unter dieser Strategie keine Zunahme postoperativer Komplikationen selbst bei größeren Eingriffen.

Auch hier gelten Aminopenicilline als bevorzugte Option. Gegen Clindamycin als Standard-Prophylaxe wird allerdings eingewandt, dass viele der prophylaktisch adressierten Erreger aerobe Streptokokken sind und Clindamycin ein ungünstiges Nebenwirkungsprofil besitzt. Kardiologische Leitlinien nennen als Alternativen zum Beispiel Cephalexin oder Doxycyclin.

Besondere Patientengruppen: Herzklappen und Gelenkprothesen

Vor einer geplanten Herzklappenoperation rückt die zahnärztliche Voruntersuchung stärker in den Fokus: Die gemeinsame Leitlinie der Mund‑, Kiefer‑ und Gesichtschirurgie und der Zahnmedizin empfiehlt, Zahnerhalt vs. Sanierung im interdisziplinären Gespräch zu klären und orale Hygienemaßnahmen vor dem kardialen Eingriff zu optimieren. Nach einer Herzklappenimplantation sind engmaschige Kontrollen, besonders im ersten Jahr, vorgesehen.

Bei Patientinnen und Patienten mit künstlichen Gelenken lautet die Empfehlung der orthopädischen Fachgesellschaften: generell keine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe vor zahnärztlichen Maßnahmen. Die American Dental Association begrüßt diese Linie, kritisiert jedoch die vorgeschlagene drei­monatige Wartefrist nach Gelenkimplantation für zahnärztliche Eingriffe.

Was für die Praxis zählt

Zusammengefasst lassen sich einige zentrale Punkte für Behandler und Patientinnen ableiten:

  • Diagnostik zuerst: Sorgfältige Anamnese und gezielte Befunde entscheiden oft über die Notwendigkeit einer Antibiose.
  • Operative Lösungen: Ursachenbeseitigende chirurgische Maßnahmen verhindern in vielen Fällen einen Antibiotikaeinsatz.
  • Gezielte Prophylaxe: Ein einmaliger perioperativer Shot kann bei Standardeingriffen ausreichend sein.
  • Individuelle Risikoabschätzung: Penicillin‑Allergie‑Scores und interdisziplinäre Abstimmung sind entscheidend, besonders bei Herz‑ und Gelenkpatienten.

Ausblick

Die geplante S3-Leitlinie soll Praxis und Forschung zusammenführen und Betreuungspfade klarer definieren. Bei Umsetzung könnten damit unnötige Antibiotikagaben abnehmen und gleichzeitig die Patientensicherheit steigen. Bis zur Publikation bleibt für Behandler wichtig: fundierte Diagnostik, interdisziplinäre Abwägung und zurückhaltender Einsatz systemischer Antibiotika.

Dr. Jan H. Koch, Freising

Der Autor erklärt, dass keine Interessenkonflikte in Verbindung mit diesem Beitrag bestehen. Die Darstellung dient der Information und ersetzt nicht die individuelle klinische Beurteilung.

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