Südengland: Riesen-Vögel mit knochenähnlichen Gebissen sorgen für Aufsehen

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Ein fast 50 Millionen Jahre alter Vogelschädel von der Isle of Sheppey liefert neue Einblicke in eine Gruppe gigantischer Meeressäger: Mit einer geschätzten Flügelspannweite von rund fünf Metern durchpflügten diese Tiere einst die subtropischen Küstengewässer, die heute Teile von London, Essex und Kent überdecken. Die Entdeckung erklärt, wie entfernte Verwandte von Enten und Gänsen besondere Knochenstrukturen nutzten, um im Ozean jagend bestehen zu können — und warum das für die Rekonstruktion der Vogelentwicklung heute noch relevant ist.

Was das Fossil zeigt

Der Schädel gehört zur ausgestorbenen Gattung Dasornis und gilt als einer der am besten erhaltenen Funde aus den Ablagerungen des London Clay. Die Region war vor etwa 50 Millionen Jahren ein flaches Meer; das neue Material offenbart Details im Knochenbau, die bislang nur schwer zu rekonstruieren waren.

Wissenschaftler bereitet einen fossilen Vogelschädel im Labor vor
Dasornis‑Schädel im Labor: gut erhaltene Knochenpartien geben neue Einsichten.

Besonders auffällig sind entlang der Schnabelkante mehrere knöcherne Vorsprünge — keine Zähne im heutigen Sinne, sondern harte Fortsätze im Knochensubstrat, die von einer Hornschicht überzogen gewesen sein dürften. Solche Strukturen treten bei modernen Vögeln nicht mehr auf.

Wesentliche Fakten im Überblick

  • Alter: rund 50 Millionen Jahre (frühes Eozän)
  • Fundort: Isle of Sheppey, Südostengland (London Clay)
  • Größe: geschätzte Flügelspannweite etwa 5 Meter
  • Besonderheit: knöcherne, zahnähnliche Fortsätze am Schnabel
  • Lebensweise: hochseeorientierte Jäger — vermutlich Fisch- und Tintenfischfänge nahe der Meeresoberfläche

Warum die „Pseudo‑Zähne“ wichtig sind

Moderne Vögel besitzen keinen echten Zahnaufbau aus Dentin und Schmelz; dieser wurde bei den Vorfahren vor mehr als 100 Millionen Jahren weitgehend verloren. Die knöchernen Vorsprünge bei Dasornis stellen demgegenüber eine sekundäre Struktur dar: Sie halfen offenbar dabei, glitschige Beute sicher zu fassen, wenn die Vögel im Flug über die Wasseroberfläche schnappten.

Forschende am Senckenberg Forschungsinstitut interpretieren die Fortsätze als funktionelle Anpassung an eine pelagische Jagdstrategie. Ohne solche Haken wären Fische und Kalmare leicht aus dem Schnabel gerutscht — ein Nachteil für große, segelnde Meeresspezialisten.

Verwandtschaft und Ökologie

Äußerlich erinnerten diese Riesenvögel an heutige Albatrosse: lange, schmale Flügel, geeignet zum dynamischen Segelflug über dem offenen Meer. Dennoch stehen sie nicht in unmittelbarer Linie zu den heutigen Sturmtauchern, sondern gehören zur entfernten Verwandtschaft der Anatidae — der Enten- und Gänse-Familie.

Albatros segelt über dem offenen Meer mit langer Flügelspannweite
Lebensweise ähnlich modernen Albatrossen: großer Flügelspannweite für dynamischen Segelflug.

Die Kombination aus großer Spannweite und spezialisierten Schnabelstrukturen zeigt, wie vielfältig Vogelgruppen nach dem Ende der Dinosaurierzeit ökologische Nischen besetzten. Solche Befunde helfen, die frühen Entwicklungslinien moderner Vogelgruppen und ihre Anpassungen an marine Lebensräume besser zu verstehen.

Ausblick

Auch wenn die Veröffentlichung der Beschreibung im Magazin Paleontology bereits 2008 datiert ist, liefert das gut erhaltene Schädelmaterial weiterhin wichtige Anhaltspunkte für Vergleichsstudien — etwa zu Flugphysik, Futtererwerb und ökologischer Nischenbildung bei frühen Seevögeln. Ergänzende Funde aus dem London Clay könnten die Rekonstruktion dieser ungewöhnlichen Räuber noch präzisieren.

Quelle: Beschreibung der Funde im Fachblatt Paleontology (26. September 2008) und Pressemitteilung des Senckenberg Forschungsinstituts.

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