MFA: Männeranteil steigt, Praxen spüren den Wandel

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Als junger Mann in einem Beruf anzufangen, in dem fast alle Kolleg:innen weiblich sind, ist keine Randnotiz mehr – es wirft Fragen zur Diversität, zur Patient:innenzufriedenheit und zur Karriereentwicklung auf. Steve Roczen beschreibt, wie er 2013 die Ausbildung zum Medizinischen Fachangestellten begann, welche Hindernisse und Chancen er erlebte und warum sein Weg heute für die Personaldebatte in der ambulanten Versorgung relevant ist.

Vom freiwilligen sozialen Jahr zur Entscheidung für den Praxisalltag

Nach dem Realschulabschluss war für Roczen lange unklar, welcher Berufsweg zu ihm passen würde. Ein freiwilliges soziales Jahr im Schulzentrum brachte den Wendepunkt: Die Mischung aus Betreuung, Büroarbeit und organisatorischen Aufgaben reizte ihn mehr als eine rein pflegerische Laufbahn.

Eine Zeitungsanzeige führte schließlich zu einem dreitägigen Praktikum in einer Hausarztpraxis. Die Bandbreite der Aufgaben – von Patient:innenkontakt über Anmeldung bis zu Laborarbeiten – überzeugte ihn sofort.

Vom freiwilligen sozialen Jahr zur Entscheidung für den Praxisalltag — Nach dem Realschulabschluss war für Roczen lange unklar, welcher Berufsweg zu ihm passen würde. Ein freiwilliges soziales Jahr im Schulzentrum brachte den Wendepunkt: Die Mischung aus Betreuung, Büroarbeit und organisatorischen Aufgaben

Erste Erfahrungen in der Ausbildung

Im September 2013 begann er die Lehre in einer kleinen Praxis. Die Präsenz eines männlichen Auszubildenden fiel bei Patient:innen und Mitschülerinnen auf: häufige Reaktionen reichten von Überraschung bis zu der Annahme, er wolle später Arzt werden oder sei der Sohn des Praxischefs.

Die Berufsschule brachte eine ähnliche Wahrnehmung: In seinem Klassenraum saß er einer Gruppe von überwiegend jungen Frauen gegenüber. Schnell jedoch wandelte sich Neugier in Akzeptanz; durch Engagement wurde er bald Klassensprecher und oft Vermittler bei Konflikten.

Aufgaben und sensible Situationen

Im ersten Ausbildungsjahr lernte Roczen vor allem Labor- und Funktionsdiagnostik. Dabei zeigten sich praktische Vorteile eines männlichen MFA: Manche männliche Patient:innen zogen einen männlichen Ansprechpartner bei sensiblen Beschwerden vor, ältere Patientinnen wiederum suchten gern das Gespräch.

Medizinische Laborausstattung und Funktionsdiagnostik in einer Arztpraxis
Laborarbeit und Funktionsdiagnostik gehören zu den Kernaufgaben von MFA in der Praxis.

Es gab aber auch sensible Momente, etwa wenn junge Patientinnen aus religiösen Gründen keinen männlichen Mitarbeiter bei bestimmten Untersuchungen wollten. Das Team organisierte sich in solchen Fällen flexibel, um die Wünsche der Patient:innen zu respektieren.

Mehr Verantwortung – von Anmeldung bis Hausbesuch

Roczen übernahm bald Tätigkeiten an der Anmeldung und am Telefon. Solche Einsätze brachten nicht nur kurioses Feedback (manchmal wurde er fälschlich für den Arzt gehalten), sondern auch praktische Vorteile: Patient:innen sprechen bestimmte Probleme lieber mit einem männlichen Mitarbeiter an.

Nach dem Abschluss der Ausbildung 2016 wurde sein Einsatz positiv gewürdigt – sowohl von der Praxis als auch von der Ärztekammer, die seine Entscheidung, die Lehre durchzuziehen, lobte.

Mehr Verantwortung – von Anmeldung bis Hausbesuch — Roczen übernahm bald Tätigkeiten an der Anmeldung und am Telefon. Solche Einsätze brachten nicht nur kurioses Feedback (manchmal wurde er fälschlich für den Arzt gehalten), sondern auch praktische Vorteile: Patient:innen sprechen bestimmte Probleme

Weiterbildung und Karrierechancen

Statt die Praxis zu verlassen, nutzte Roczen Weiterbildungsmöglichkeiten. Er absolvierte die Qualifikation zum Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis (VERAH). Seitdem führt er regelmäßig Hausbesuche bei multimorbiden Patient:innen durch und betreut ein Kooperationsprogramm mit der Krankenkasse.

Praxisteam bei Teambesprechung und Personalplanung im Büro
Mit Weiterbildungen wie VERAH eröffnen sich für MFA neue Führungsaufgaben im Team.

In den vergangenen Jahren wuchs die Praxis stark: Aus zwei Ärzt:innen und fünf MFA entwickelte sich ein Haus mit rund 13 Ärzten, 21 MFA und vier Auszubildenden. Die veränderte Struktur erforderte neue Rollen – Roczen wurde gemeinsam mit einer Kollegin in die Teamleitung berufen.

Heute umfasst sein Aufgabenfeld sowohl praktische Einsätze (Labor, Funktionsdiagnostik, Hausbesuche) als auch Verwaltungsaufgaben: Personalplanung, Versicherungsanfragen und Teamentwicklung gehören zu seinen festen Bürotagen.

Warum das Thema heute wichtig ist

Der Praxisalltag zeigt, dass Geschlecht keineswegs die Eignung für medizinisch-administrative Tätigkeiten bestimmt. Gleichzeitig beeinflusst die Zusammensetzung des Teams, wie Patient:innen sich öffnen und medizinische Themen ansprechen.

Rekrutierungs- und Fortbildungsangebote im ambulanten Bereich können davon profitieren, wenn sie Perspektiven für Männer und Frauen gleichermaßen sichtbar machen. Die Erfahrung einzelner Mitarbeitender wie Roczen ist dafür ein praktisches Argument.

  • Berufliche Vielfalt: MFA-Arbeit kombiniert direkte Patientenversorgung mit Organisation und Diagnostik – ideal für Menschen, die Abwechslung suchen.
  • Sensible Patient:innenkontakte: Ein gemischtes Team ermöglicht bessere Zuordnung bei intimen Beschwerden oder kulturellen Präferenzen.
  • Aufstiegschancen: Fortbildungen wie die VERAH-Qualifikation öffnen Wege zu mehr Verantwortung und besserer Bezahlung.
  • Teamdynamik: Männer in stark weiblich besetzten Teams können als Ausgleich und Vermittlerrollen wirken, ohne automatisch Konflikte anzuziehen.

Praktische Antworten: Was Männer oft fragen

Auf die häufigsten Fragen aus seinem Umfeld antwortet Roczen sachlich und knapp: Nein, er bereut die Berufswahl nicht; die Aufgaben sind keineswegs „nur für Frauen“; ernsthafte Anfeindungen hat er nicht erlebt; finanzielle Perspektiven sind vergleichbar mit anderen Berufen; und er würde den Beruf Freunden empfehlen, die keine Scheu vor Blut, Nähe und medizinischen Herausforderungen haben.

Seine Bilanz nach fast einem Jahrzehnt im Beruf fällt positiv aus: durch Weiterbildung und Verantwortung konnte er nicht nur fachlich wachsen, sondern sich auch im Gehalt verbessern – etwa durch Tarifstufen und freiwillige Zulagen.

Die Geschichte von Steve Roczen ist deshalb mehr als ein persönlicher Werdegang: Sie zeigt, wie Wandel in der Zusammensetzung von Praxisteams praktisch funktioniert und welche Chancen darin liegen – für Patient:innenkomfort, Teamkultur und die Rekrutierung in einem Arbeitsmarkt mit Fachkräftemangel.

Steve Roczen

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