CAD/CAM: Die Lösung muss zum Praxiskonzept passen

Interview mit CAD-CAM-Spezialist Uwe Herzog

„Existenzgründer müssen eine Lösung finden, die zum Praxiskonzept passt“ – das sagt Uwe Herzog, Vertriebsmanager CAD/CAM-Systeme und Produktmanager Connect Dental bei Henry Schein. Der Diplomingenieur für Gerätetechnik beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit CAD/CAM-Systemen in der Dentaltechnik.

CAD/CAM bringt auch für Patienten viele Vorteile. Foto: Fotolia/kulniz

CAD/CAM bringt auch für Patienten viele Vorteile. Foto: Fotolia/kulniz

Nach seinem Einstieg bei Henry Schein im Jahr 1990 begann er sich schnell in die neuen Techniken einzuarbeiten und betreute bereits Nutzer von Cerec 1, dem weltweit ersten CAD/CAM-System in der Zahnmedizin.

Von Anfang an stand er dabei auch in Kontakt zur Entwicklungsabteilung der Hersteller und sorgte mit dafür, dass die Erfahrungen der Anwender in die Produktentwicklung einfließen konnten. Der überzeugte Verfechter offener Systeme leistete außerdem einen Beitrag dazu, dass sich die Kompatibilitäten zwischen Systemen unterschiedlicher Hersteller durch die gemeinsame Entwicklung entsprechender Schnittstellen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert haben. Chance Praxis hat Uwe Herzog zu Datenaustausch, CAD/CAM-Systemen und veränderten Arbeitsabläufen in der Praxis befragt.

„Existenzgründer müssen eine Lösung finden, die zum Praxiskonzept passt“

Chance Praxis: Herr Herzog, wie funktioniert der Datenaustausch mit dem externen Labor?

Uwe Herzog: Die technische Übertragung digitaler Daten des Zahnarztes in ein Dentallabor läuft über spezielle Online-Portale. Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, sowohl von der Dentalindustrie als auch von Dienstleistern. Die Übertragung ist aber auch nicht die Herausforderung, sondern die Kompatibilität der Daten.

Mittlerweile sind wir zum Glück in der Situation, dass die meisten Systeme offen sind, das heißt, es gibt ein einheitlich genutztes Datenformat, in der Regel das STL-Format, das von unterschiedlichen Systemen gelesen und verarbeitet werden kann. Und auch für Systeme, die in diesen Datenformaten nicht direkt arbeiten, gibt es inzwischen unterschiedliche Schnittstellen, die eine Lesbarkeit schaffen, indem sie die Daten in STL umwandeln. Geschlossene Systeme gibt es natürlich auch weiterhin. Mein Rat an alle Praxisgründer oder andere Einsteiger in die Digitalisierung ist aber, immer darauf zu achten, dass die gewählten Systeme offen oder zumindest verknüpfbar sind. Diese Offenheit sollte auch für die Verwendung der am Markt gängigen Materialien gelten. Dabei geht es nicht nur um die Flexibilität und Zukunftsfähigkeit, sondern auch um Kosten und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Was man dabei aber grundsätzlich verstehen muss: Die Verknüpfung der Systeme ist kein Selbstläufer. Die Planung und Umsetzung des digitalen Workflow müssen immer am Anfang zwischen allen Beteiligten abgestimmt werden. Hier ist ein gewisses Know-how gefragt, speziell bei all der Vielfalt und Detailanforderungen.

Mein Tipp:

„Wichtig ist, dass man die Mitarbeiter dazu befähigt, die neuen Aufgaben auch sicher und kompetent auszufüllen.

Schulungen, Betreuung und Support sind das A und O, um die Prozesse in der Praxis zu verbessern.“

Uwe Herzog (Foto: Henry Schein)

Uwe Herzog (Foto: Henry Schein)

Chance Praxis: Welche Markterfahrungen gibt es, wo knirscht es möglicherweise?
Herzog: In den vergangenen Jahren haben einige Anwender mit dem Datentransfer, etwa in Hinblick auf die Kompatibilitäten, zu kämpfen gehabt. Das passierte vor allem dann, wenn dieser Workflow bei der Einführung neuer Systeme nicht richtig geplant wurde.

Heute ist mit offenen Systemen technisch nahezu alles möglich. Aber es muss mit Sachverstand auf den Weg gebracht und umgesetzt werden. Auch heute wird es knirschen, wenn ein Zahnarzt oder ein Labor in ein neues Gerät investiert, ohne sich intensiv mit seinen Anforderungen und den Anforderungen seiner Geschäftspartner zu beschäftigen.

Five Facts:
Mein Rat an alle Praxisgründer und Einsteiger in die Digitalisierung:

  • Die gewählten Systeme sollten offen oder zumindest verknüpfbar sein.
  • Die Offenheit sollte auch für die Verwendung der am Markt gängigen Materialien gelten.
    • Bei einer Umstellung auf digitale Prozesse sollte der Praxisinhaber sein Team mitnehmen.
  • Schulungen zum Umgang mit den neuen Geräten und zur Patientenkommunikation helfen, die neuen Leistungen erfolgreich zu verkaufen.
  • Viele Schritte darf der Zahnarzt an sein Team delegieren, jedoch obliegt dem Zahnarzt immer eine ärztliche Aufsichts- und Empfehlungspflicht.

Chance Praxis: Welche Lösungen gibt es dafür? Wie lassen sich Prozesse optimieren?

Herzog: Die Prozesse müssen frühzeitig mit Unterstützung eines Spezialisten geplant und mit allen Beteiligten abgestimmt werden, damit die Verknüpfung problemlos klappt. Die ersten Schritte sind für mich immer die Bestandsaufnahme und die Definition klarer Ziele für die Praxis – welche Restaurationen, welche Materialien, welche Partner. Auf dieser Basis kann man dann die Prozesse und auch Lösungsmodelle für mögliche Kompatibilitätsprobleme identifizieren. Und das kann von Praxis zu Praxis sehr unterschiedlich aussehen. Denn den einen, optimalen Prozess für Cerec – oder andere CAD/CAM-Systeme – gibt es nicht, es gilt vielmehr, die zum Praxiskonzept passende Lösung zu entwickeln.

Unser Video-Tipp:
Ein Video zum Thema digitale Restauration sehen Sie auf dzw.de/SCAPC.
Zahnarzt Thomas Reinstein aus Zwickau zeigt gemeinsam mit den Spezialisten von ConnectDental, wie die digitale Zusammenarbeit funktioniert.

Chance Praxis: CAD/CAM verändert die Arbeitsabläufe in Praxis und Labor. Was bedeutet das fürs Personalmanagement? Worauf muss ich beispielsweise bei der Schulung des Personals achten?

Herzog: Gerade in Bezug auf die Prozessoptimierung innerhalb der Praxis spielt das Praxisteam eine große Rolle. Hier wird der menschliche Faktor häufig unterschätzt. Wie bei allen Neuerungen in der Praxis muss der Praxisinhaber bei einer Umstellung auf digitale Prozesse sein Team mitnehmen. Ohne frühzeitige Information über die Gründe und Ziele der Veränderung und ohne eine Einbindung des Teams kann das nur schwer gelingen. Einige Mitarbeiter erkennen dann meist sehr schnell, dass sie sich zwar in bestimmten Bereichen umstellen und neu einarbeiten müssen, aber dass sie zum Beispiel in der Rolle einer CAD/CAM-Assistenz auch eine deutliche Aufwertung erfahren.

Wichtig ist natürlich, dass man die Mitarbeiter dazu befähigt, die neuen Aufgaben auch sicher und kompetent auszufüllen. Kurz: Schulungen, Betreuung und Support sind das A und O, um die Prozesse in der Praxis zu verbessern. Deshalb haben wir Schulungsangebote entwickelt, mit denen die Mitarbeiter genau die Kompetenzen erlernen, die sie für die Bewältigung der neuen Aufgaben benötigen. Es geht dabei nicht nur um den Umgang mit den neuen Geräten, wie er in unserer Ausbildung zur CAD/CAM-Assistenz vermittelt wird, sondern beispielsweise auch um Schulungen in der Patientenkommunikation.

Unser Link-Tipp:
Mehr zum Thema CAD/CAM lesen Sie im E-Paper 3/2016 der DZW-Zahntechnik mit dem Schwerpunktthema „Materialien für die CAD/CAM-Herstellung“: dzw.de/UQBYL

Denn mit der Einführung neuer Leistungen müssen diese auch an die Patienten kommuniziert werden. Man kann aber nicht erwarten, dass eine Assistenz von heute auf morgen in der Lage ist, diese neuen Themen souverän und erfolgreich mit den Patienten zu besprechen. Hier helfen Schulungen weiter, indem sie den Mitarbeitern Sicherheit geben und Hemmungen abbauen.

Die digitale Zahnheilkunde entwickelt sich stetig weiter, auch das sollte man bei der Personalentwicklung beachten. Mit CAD/CAM kann man viel mehr machen als nur Restaurationen, ständig kommen immer neue Anwendungsfelder hinzu, etwa die Implantantprothetik oder die Erstellung moderner kieferorthopädischer Apparaturen im digitalen Workflow.

Chance Praxis: Welche Leistungen kann ich delegieren, was kann das Praxispersonal übernehmen? Wie sieht das rechtlich aus?

Herzog: Die Delegation von einzelnen Arbeitsschritten bei der digitalen Abformung und der Konstruktion setzt sich in den Praxen immer mehr durch. Ich sage immer, dass man mit der Digitalisierung nicht seine gewohnten Praxisabläufe komplett ändern muss, sondern grundsätzlich an ganz ähnlicher Stelle delegieren kann wie bei herkömmlichen Methoden, also etwa bei der Vor- und Nachbereitung und der Abdrucknahme. Die Inhalte und Abläufe sind in der digitalen Zahnheilkunde natürlich anders, deshalb sind Schulungen und Einarbeitungszeiten unerlässlich.

Grundsätzlich muss man wissen, dass viele Schritte delegiert werden dürfen, dass aber der Zahnarzt immer eine ärztliche Aufsichts- und Empfehlungspflicht hat, sei es bei der intraoralen Abformung oder bei der Vorbereitung der Materialien. Wenn das gegeben ist, dann läuft es auch mit der Delegation – das ist ja vom Grundsatz nicht anders als bei der konventionellen Abformung; den Abdruck im Löffel muss der Zahnarzt ja auch begutachten und freigeben.

Chance Praxis: Herr Herzog, vielen Dank für das informative Gespräch!

 

 

 

 

 

 

 

 

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