Bonner Runde: Wo bleibt die junge Standespolitik?

Die Bonner Runde widmete sich dem Thema „Junge Standespolitik?! – Generation Y und ZÄK – KZV – FVDZ: Zukunft Standesorganisation“ (© O. Pick | DZW)

Die Bonner Runde widmete sich dem Thema „Junge Standespolitik?! – Generation Y und ZÄK – KZV – FVDZ: Zukunft Standesorganisation“ (© O. Pick | DZW)

Vertreter aus Standespolitik und Verbänden diskutierten in einem Konstruktiv-Workshop mit jungen Zahnärzten die Zukunft der Standesorganisationen

Das Wort von der viel beschworenen Generation Y, die keine Lust auf politisches Engagement habe, wird schon seit geraumer Zeit intensiv diskutiert. Die Bonner Runde in den Räumen der DZW-Redaktion machte sich unter der bewährten Leitung von Rudolf Weiper auf die Suche nach den Ursachen – und nach möglichen Rezepten dafür, wie der Nachwuchs für die Arbeit in berufs- und standespolitischen Organisationen gewonnen werden kann.

Wie sehen die Rahmenbedingungen jetzt aus, wie werden sie sich in den kommenden fünf Jahren ändern? Schätzungen zufolge werden etwa 20 Prozent der heutigen Praxisinhaber aus Altersgründen ausscheiden. Die „digitale Praxis“ wird nicht länger Zukunftsmusik sein, sie wird Schritt für Schritt Realität werden. Die Anzahl angestellter Zahnärzte wird weiter steigen, weil dieses Modell bessere Fortbildungsmöglichkeiten bietet – „Medizin statt Buchhaltung“ –, flexiblere Gestaltungsmöglichkeiten mit Blick auf die Work-Life-Balance und mehr Zeit, die weitere Lebensplanung in Ruhe vornehmen zu können.

„Medizin statt Buchhaltung“

Eine weitere Entwicklung wird die Feminisierung der Zahnmedizin sein – 70 Prozent der Zahnärzte werden künftig Frauen sein. Fakt ist aber schon heute, dass junge Zahnärzte und Frauen in den Standesorganisationen deutlich unterrepräsentiert sind. Rund 30 Prozent der Zahnärzte werden zur Generation Y der nach 1985 Geborenen gehören. Die Ergebnisse einer Befragung im Rahme der Forschungsarbeit einer Workshop-Teilnehmerin mit angestellten Zahnärzten zeigten, dass 42 Prozent generell an der Selbstverwaltung interessiert, und 25 Prozent sogar zu einer konkreten Mitarbeit bereit sind.

Heilige Dreifaltigkeit: spröde und unnahbar
Was aber sind die Ursachen für den, trotz dieser Einstellung, fehlenden Einsatz der jungen Zahnärzte? Ist die heilige Dreifaltigkeit der StandesorganisationenBundeszahnärztekammer (BZÄK), Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und Freier Verband Deutscher Zahnärzte (FVDZ) – „zu alt“, sind die „Strukturen zu verkrustet“, von immer denselben „alten Männern“ dominiert, wie schwer ist der Zugang tatsächlich? Insgesamt konstatierten die Teilnehmer der Bonner Runde – Standespolitiker, Vertreter zahnärztlicher Verbände und junge Zahnärzte – unter den jungen Zahnärzten einen wachsenden Trend zur Ungebundenheit von „unflexiblen Organisationen“. Jahrzehntelang gut besuchte Zahnärzte-Stammtische würden von „virtuellen Netzwerken“ abgelöst – um den Zugang zu diesen „modernen Netzen“ konkurrierten die etablierten Standesorganisationen zudem mit „der Industrie“, die diesen Trend gerne aufnehme und für eigene Zwecke nutze. Andererseits war von den Teilnehmern zu hören, dass sie selbst „junge Stammtische“ gegründet hätten – mit Erfolg und wachsenden Teilnehmerzahlen nach dem Motto „jung zieht jung“.

Aktive Unterstützung „von oben“ quasi nicht existent
Standespolitische Arbeit hat wenig mit gemütlichem Beisammensein zu tun, vielmehr bedeutet die Mitgestaltung der Zukunft des Freien Berufs – und damit der eigenen Zukunft – harte Arbeit. Aber das war erstens allen klar und wurde zweitens nicht als Hinderungsgrund gesehen. Beklagt wurde vielmehr, wie schwer es sei, überhaupt Zugang zur Politik zu erhalten – selbst wenn man versuche, „ganz unten“ einzusteigen. „Ich habe schon mehrere Fragebögen der Berufsorganisationen positiv beantwortet, in denen meine Bereitschaft zur politischen Mitarbeit abgefragt wurde – eine Reaktion habe ich nie erhalten, ich bin auch nie darauf angesprochen worden“, stellte ein Teilnehmer resigniert fest. Aktive Unterstützung „von oben“ sei quasi nicht existent.

„An die wirklich interessanten Ausschüsse kommt man nicht heran“

„Unfertig“ von der Uni
Beklagt wurde, dass es ein langer Weg sei von regionalen Strukturen bis in die „interessanten“ Organisationsebenen, in denen man das Gefühl haben könne, wirklich etwas zu bewegen. Und selbst wenn man eine relevante Ebene in der Hierarchie erreicht habe, scheitere man als junger Zahnarzt regelmäßig an den alteingesessenen Funktionären: „An die wirklich interessanten Ausschüsse kommt man nicht heran“, „da wird doch Bekanntheitswahlkampf gemacht – immer dieselben alten Gesichter werden gewählt“, „Meine Zeit ist zu kostbar, um sie mit immer wieder denselben alten Männern zu verbringen.“

„Meine Zeit ist zu kostbar, um sie mit immer wieder denselben alten Männern zu verbringen“

Es sind aber nicht die Strukturen der Organisationen allein. So wurde indirekt auch die „katastrophale universitäre Ausbildung“ als Hemmnis ausgemacht: Jüngere Teilnehmer beklagten, dass man heute irgendwie „unfertiger“ von der Uni komme, man habe das Gefühl, nach dem Abschluss erst mal „fertig werden“ zu müssen. Der dafür nötige Aufwand lasse dann aber kaum Zeit für ein zeit- und arbeitsintensives standes- oder berufspolitisches Engagement.

Erster Kontakt zur Kammer: eine Rechnung
Einen anderen Grund für das nachlassende Interesse an politischer Arbeit machte man in der zunehmenden Entfremdung der zahnärztlichen Standesorganisationen von der Basis aus. Früher, so einige ältere Teilnehmer, sei  man „einfach näher dran“ gewesen, die Zahnärzte in den Praxen hätten ihre Assistenten einen einfach „mitgeschleppt zu den Stammtischen“ und Versammlungen. „Bei Bezirksversammlungen erscheinen heute von den 400 potenziellen Besuchern gerade mal 28 – und von denen möchte die Hälfte in irgendein Amt gewählt werden“, so ein Teilnehmer. Und beliebt machten sich die Kammern auch nicht gerade: Für viele junge Zahnärzte sei der erste Kontakt zur Kammer eine Rechnung …

„Ich bin ein absoluter KZBV- und BZÄK-Hasser, mir sind die Strukturen zutiefst zuwider“

In Lösungen statt in Problemen denken
In der Summe also vielfältige Probleme der Standespolitik: Defizite bei Performance, Präsenz und Profil, aber ebenso in der kaum durchschaubaren Komplexität sowie der mangelhaften Kommunikation von Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit. Was also tun, um die scheinbare „Politikverdrossenheit“ der jungen Zahnärzte zu überwinden?

Erster Schritt: „Die Jugend muss erst mal gesammelt werden – und zwar bundesweit“, so ein Teilnehmer. Vorbild könnten die relativ erfolgreichen Modelle aus München beziehungsweise Bayern sein. Parallel sollten spezielle Foren für die Jungen geschaffen werden, deren Einrichtung könne man zeitnah im KZBV-Beirat – analog auch in den KZVen, in der BZÄK und den Landeskammern – diskutieren. Zusätzlich sei die Einrichtung von Ausschüssen für junge Zahnärzte zu überlegen, allerdings müsse gewährleistet sein, dass alle Gruppierungen repräsentiert würden. Der Idee, die Standesorganisationen mit fachfremden Vollzeitfunktionären (Manager) zu besetzen, wurde eine deutliche Abfuhr erteilt. Dafür war man sich einig, die Amtszeiten zu begrenzen (maximal zwei Amtsperioden), um dem Nachwuchs eine Chance zu geben. Warum auch nicht mal etablierte Veranstaltungen zugunsten alternativer Formate streichen? Zum Beispiel Nachwuchssymposien statt Frühjahrsempfang?

„Ich werde es weiter mit Guerilla-Methoden mit Gleichgesinnten von unten versuchen“

Wichtigstes Fazit der Bonner Runde: Das mangelnde Engagement der Jungen in den zahnärztliche Standesorganisationen hat seine Ursache nicht in der viel gescholtenen Generation Y, sondern in der Unbeweglichkeit der Organisationen. Fazit einer jungen Teilnehmerin: „Ich werde es weiter mit Guerilla-Methoden mit Gleichgesinnten von unten versuchen.“
OP

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