Zahnklinik der UW/H: Vielzahl von Flüchtlingen wird behandelt

Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) hat sich für das kommende Wintersemester mit dem Thema „Flucht und Migration“ einen inhaltlichen Schwerpunkt ihrer Arbeit gewählt. In Forschung, Lehre sowie gesellschaftlichem Wirken wird fakultätsübergreifend die aktuelle Flüchtlingsfrage aufgegriffen. Seminare, Ringvorlesungen, Fachkonferenzen sowie eine Vielzahl weiterer Aktionen sind Bestandteile eines umfangreichen Programms, das langfristig über das Wintersemester hinaus angelegt ist.

Eine Initiative aus Studierenden und Mitarbeitern der Zahnmedizin ist dabei, ein Konzept für die zahnmedizinische Hilfe für Flüchtlinge in Wittener Aufnahmelagern zu entwickeln. (Foto: Markus Mainka/fotolia)

Eine Initiative aus Studierenden und Mitarbeitern der Zahnmedizin ist dabei, ein Konzept für die zahnmedizinische Hilfe für Flüchtlinge in Wittener Aufnahmelagern zu entwickeln. (Foto: Markus Mainka/fotolia)

Konzept für die zahnmedizinische Hilfe für Flüchtlinge in Wittener Aufnahmelagern

An der Zahnklinik der UW/H werden schon jetzt viele Flüchtlinge behandelt. Prof. Dr. Joachim Jackowski, Leiter der zahnärztlichen Ambulanz, hat zusammen mit seinen Mitarbeitern in den vergangenen Wochen eine Vielzahl dieser Patienten notfallmäßig betreut. Die Hauptindikation war die Therapie akuter Schmerzzustände. Außerdem ist eine Initiative aus Studierenden und Mitarbeitern der Zahnmedizin dabei, ein Konzept für die zahnmedizinische Hilfe für Flüchtlinge in Wittener Aufnahmelagern zu entwickeln.

UW/H-Präsident Prof. Dr. Martin Butzlaff unterstützt die Aktivitäten aus voller Überzeugung: „Menschen Schutz und Aufnahme zu gewähren ist eine fundamentale humanitäre Verpflichtung, der unser Land zurzeit in beispielhafter Weise nachkommt. Und mit jeder Flüchtlingsfamilie, die in diesen Tagen, Wochen und Monaten zu uns kommt, wird deutlich, dass wir nicht nur ein kurzfristiges Versorgungsproblem zu lösen haben. Wir stehen vor einer immensen langfristigen Integrationsaufgabe, die nur zu bewältigen ist, wenn sich die ganze Gesellschaft daran beteiligt. Hier ist auch unsere Universität gefordert, und wir werden uns tatkräftig einbringen.“

Willkommen in Witten“

Bereits im Oktober des vergangenen Jahres hatten Studierende die Initiative ergriffen und Kontakt zu Flüchtlingen aufgenommen. Mit „Willkommen in Witten“ haben sie bei der Flüchtlingsarbeit aktiv mitgewirkt und die Menschen gefragt: „Was braucht ihr wirklich?“ So war es möglich, Vertrauen aufzubauen und für verschiedene Aufgaben eine persönliche Begleitung zu ermöglichen. „Miteinander zu leben, sich füreinander verantwortlich zu fühlen‘, war unser Antrieb, sagt Julia Ebner, Studierende im dritten Semester PPÖ (Philosophie, Politik, Ökonomik). Wir freuen uns, dass unsere Arbeit jetzt mit dem Schwerpunktthema Wertschätzung erfährt.“

Die Organisatoren des Schwerpunkt-Programms, Prof. Dr. Matthias Kettner, Prof. Dr. Joachim Zweynert und Prof. Dr. Jan Ehlers, haben in Kooperation mit den Studierenden Anregungen aus der ganzen Universität aufgegriffen und eine Ringvorlesung „Leben in Deutschland“ geplant. „Die Idee ist, dass die Lehrenden der UW/H jeweils aus ihren Forschungs- und Interessensgebieten darüber berichten, wie Deutschland funktioniert. Was bedeuten Meinungs- und Religionsfreiheit? Wie funktioniert die soziale Marktwirtschaft? Wie ist unser Gesundheitssystem angelegt? Wie gründet man in Deutschland ein Unternehmen?“

Über diese Themen mit Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen ist eines der Ziele. Ergänzt durch die Erwartung, auch über die Flüchtlinge mit deren Blick auf Deutschland eine Schärfung der eigenen Wahrnehmung zu bekommen. „Deshalb sind wir auch offen dafür, wie sich die Veranstaltungen entwickeln werden. Zunächst sind sechs Sitzungen vorgesehen. Gemeinsam mit den Flüchtlingen soll dann über den Fortgang entschieden werden. Denkbar wäre, dass uns Menschen, die aus ihren Ländern geflohen sind, darüber berichten, wie das Leben in ihrer Heimat jeweils organisiert ist“, erläutert Prof. Zweynert die Konzeption. Um ein möglichst breites Publikum anzusprechen, sollen die Veranstaltungen in englischer Sprache abgehalten werden.

Im Wittener Studium fundamentale, das donnerstags allen Studierenden offensteht, wird eine Ringvorlesung im wöchentlichen Wechsel mit einem erfahrungsorientierten Seminarformat organisiert. Unter dem Titel „Wer sind die 3 Prozent? Flucht und Migration in der Weltgesellschaft“ werden alle zwei Wochen externe Referenten sowie Dozenten der UW/H rechtliche, medizinische, interkulturell-psychologische, ökonomische und politisch-ethische Perspektiven vortragen und zu Diskussionen anregen. An den weiteren Donnerstagen können 24 Studierenden aller Fachbereiche das Expertenwissen mit den Studierenden Florian Kolleweijn und Matthias Thamm direkt in der Praxis erproben. „Flüchtlinge in Witten – erfahrungsorientiertes Lernen“ heißt das Seminar, welches als integrativer Bestandteil des Studium fundamentale-Topic-Konzeptes mit Professor Kettner entwickelt wurde.

Vermittlung von Sprachkenntnissen in Deutschkursen

Die Vermittlung von Sprachkenntnissen in Deutschkursen ist ein weiterer wichtiger Baustein des Universitätsprogramms für Flüchtlinge und Migranten an der UW/H. Der Mangel an Deutschkursen wurde von der Flüchtlingsinitiative in Witten als das drängendste Problem und Haupthindernis für Teilhabe benannt. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit dem Zentrum Deutsch als Fremdsprache der Ruhr-Universität Bochum und der Volkshochschule Witten geplant, um es engagierten Studierenden zu ermöglichen, elementares Deutsch für Ausländer zu unterrichten. Denn es genüge erfahrungsgemäß nicht, Deutsch zu können, um Deutsch zu lehren, erläutern die Organisatoren.

Auch die belastenden psychischen Erfahrungen, die Menschen in ihren Herkunftsländern und auf der Flucht erlitten haben, werden von den Wissenschaftlern an der UW/H bearbeitet. Prof. Dr. Martina Piefke wird sich als Expertin im Fachgebiet Neuropsychologie in Zusammenarbeit mit Psychiatern und erfahrenen Trauma-Therapeuten post-traumatischen Belastungsstörungen zuwenden: „Neuland wird dabei sein, wie wir den Menschen auch dann helfen können, wenn sie nur über geringe Deutschkenntnisse verfügen. Das Anliegen der Neuropsychologie ist insbesondere die Identifizierung von individuellen mentalen Stärken und Schwächen und eine darauf basierende neuropsychologische Therapie mit dem Ziel einer Optimierung der alltagsweltlichen Kompetenz.

Im Rahmen der zweiten Konferenz, die das Wittener Institut für Institutionellen Wandel (WIWA) im November veranstaltet, wird eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern die Flüchtlingsfrage intensiv und interdisziplinär beraten. In einem weiteren Schritt ist eine Podiumsdiskussion unter Beteiligung von Kommunalpolitikern und Helfern in  in Witten vorgesehen.

Flüchtlingsinitiativen zur Situation der Flüchtlinge

„Das Schwerpunktthema „Flucht und Migration“ hat eine UW/H-typische Entstehungsgeschichte“, so Prof. Butzlaff. „Seit Monaten engagieren sich unsere Studierenden bereits in der Flüchtlingsarbeit und sind mit den Lebensbedingungen von Flüchtlingen bei uns vertraut. Sie besuchen regelmäßig Unterkünfte, begleiten Behördengänge und veranstalten kleinere Festivitäten. Sie übernehmen auf diese Weise ganz selbstverständlich Verantwortung und zeigen, dass die zu uns kommenden Menschen willkommen sind.“

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