Uni Bonn: Zahnspange kann Risiko für Nickelallergie verringern

Uni Bonn: Gewebszellen der Mundhöhle verhalten sich anders als die der Haut

Dr. Lina Gölz von der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Bonn fand heraus, dass Zahnspangen kaum Allergien auslösen, obwohl sie das Kontaktallergen Nickel enthalten. Foto: Volker Lannert/Uni Bonn

Dr. Lina Gölz von der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Bonn fand heraus, dass Zahnspangen kaum Allergien auslösen, obwohl sie das Kontaktallergen Nickel enthalten. Foto: Volker Lannert/Uni Bonn

Nickel löst bei Kontakt mit der Haut häufig entzündliche Reaktionen aus. Nicht so im Mund: Dort zeigt sich die Schleimhaut gegenüber dem Metall erstaunlich tolerant. Zahnmediziner des Universitätsklinikums Bonn liefern nun neue Erkenntnisse zu diesem Phänomen.

Wer eine Zahnspange trägt, kann sich demnach möglichweise freuen: Eventuell sorgt diese nämlich nicht nur für ein makelloses Gebiss, sondern vermindert gleichzeitig das Risiko einer Nickelallergie. Die Studie erscheint in Kürze im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“. Sie ist bereits online abrufbar, teilt die Uni Bonn mit.

Nickel in Uhren, Ketten, Ohrringen oder Piercings kann unangenehme Ekzeme hervorrufen: Die Haut rötet sich und beginnt zu jucken. Es bilden sich nässende Bläschen oder Quaddeln, die schließlich abschuppen. Etwa 15 bis 20 Prozent der deutschen Frauen und fünf Prozent der deutschen Männer reagieren auf Nickel allergisch. Damit gilt das Metall als häufigste Ursache für Kontaktallergien, so die Medienmitteilung.

Keine Entzündungsreaktionen in der Mundhöhle

Auch Zahnspangen enthalten Nickel. Durch korrosive Prozesse können aus ihnen Nickelionen freigesetzt werden. Die Schleimhaut der Mundhöhle scheint damit jedoch meist vergleichsweise problemlos klar zu kommen. „Bei kieferorthopädischen Behandlungen im Mundraum beobachten wir so gut wie nie Entzündungsreaktionen oder Ekzeme“, erklärt Dr. Lina Gölz, Oberärztin und Habilitandin der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Bonn. Als Grund vermuteten viele Wissenschaftler bislang, dass im Mundraum andere Typen von Immunzellen arbeiten. Diese würden auf das Metall weniger aggressiv reagieren als ihre Pendants in der Haut.

Botenstoffe der Mundschleimhaut hemmen entzündliche Prozesse

„Wir konnten nun erstmals zeigen, dass sich die lokalen Gewebszellen der Schleimhaut selbst – die Fibroblasten – ganz anders verhalten als die der äußeren Haut“, erklärt Dr. Gölz. So produzieren Hautzellen bei Kontakt mit Nickel Interleukin-1β, ein starkes Entzündungssignal – 20fach mehr, als es die Mundschleimhautzellen unter identischen Bedingungen tun. Gleichzeitig wird durch Botenstoffe der Haut die körpereigene Immunabwehr aktiviert. In der Mundschleimhaut werden dagegen andere Botenstoffe freigesetzt. Sie hemmen entzündliche Prozesse und die massive Einwanderung von Immunzellen.

Schlüsselkomponente sind die dendritischen Zellen

Eine Schlüsselkomponente der frühen Immunabwehr sind die dendritischen Zellen. Es war bereits bekannt, dass die dendritischen Zellen der Mundschleimhaut toleranter sind als die der Haut. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Mundschleimhaut ein Mikromilieu schafft, das diese tolerogenen Eigenschaften der oralen dendritischen Zellen begünstigen könnte“, erläutert Dr. Gölz. „Wir wollen diese interaktiven Prozesse nun genauer untersuchen.“

Eventuell lassen sich laut Presseinfo so neue molekulare Mechanismen identifizieren, die sich ganz allgemein zur Bekämpfung von Allergien nutzen lassen. So unterziehen sich beispielsweise Pollen-Allergiker oft einer langwierigen Immuntherapie. Dazu wird ihnen das Allergen in regelmäßigen Abständen unter die Haut gespritzt. Die körpereigene Abwehr soll sich so an die Pollen gewöhnen. Experten sprechen von Hyposensibilisierung. Als Alternative setzen die Ärzte seit knapp zwei Jahrzehnten immer häufiger auf die sogenannte sublinguale Immuntherapie (SLIT). Bei dieser Form der Hyposensibilisierung tropft sich der Patient das Allergen unter die Zunge.

Studien bescheinigen dieser Methode gute Erfolge. Die neue Studie verbessert möglicherweise das Verständnis der Prozesse, durch die es zu dieser Toleranzinduktion bei der SLIT kommt.

Zahnspangen gegen Nickelallergie?

Interessanterweise scheint auch eine kieferorthopädische Behandlung – etwa mit einer festen Zahnspange – die Entstehung einer Nickelallergie zu verhindern. Das konnte Dr. Gölz durch eine Analyse bereits veröffentlichter Studien zeigen. Dieser „protektive Effekt“ war vor allem bei Menschen zu beobachten, die sich erstmals ein Piercing setzen ließen, nachdem sie sich einer kieferorthopädischen Behandlung unterzogen hatten.

„Schon die geringen Nickelmengen, die von den Spangen konstant in den Mundraum abgegeben werden, scheinen das Immunsystem zu desensibilisieren“, erklärt Dr. Gölz. „Eine Zahnspange wirkt somit gewissermaßen wie eine sublinguale Immuntherapie.“ Wer eine Zahnspange trägt, legt damit augenscheinlich also nicht nur die Basis für ein schönes Gebiss. „Ziel zukünftiger klinischer Studien wird sein, diesen Effekt an Patienten näher zu untersuchen“, sagt Dr. Gölz.

Publikation: Gölz L, Vestewig E, Blankart M, Kraus D, Appel T, Frede S, Jäger A: Differences in human gingival and dermal fibroblasts may contribute to oral-induced tolerance against nickel; DOI: 10.1016/j.jaci.2016.03.036

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