Richard Wagner und die Zahnmedizin

Ungewöhnliche Einsichten verspricht die Ausstellung „Dem Meister ins Maul geschaut“. Denn: Auch Künstler, zu denen ein Komponist wie Richard Wagner genauso wie Sänger, Trompeter oder Geigenspieler gehören, haben Zahnprobleme. Welche Folgen dies haben kann und wie man diesen entgegenwirken kann, wird in der Ausstellung beleuchtet.

Das Foto zeigt eine Therapie für Kieferprobleme bei Geigern. Mit einer Wachsplatte wird während des Spielens ein Abdruck vom Gebiss abgenommen und danach eine Entlastungsschiene angefertigt. Der Geiger setzt diese vor dem Spielen auf die unteren Zähne und verhindert so, dass sich der Kiefer nach rechts verschiebt. Auf diese Weise lernt er eine Haltung, die den Kiefer weniger belastet. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Methfessel; Foto: Katja Pinzer-Hennig/Richard-Wagner-Stätten Graupa

Das Foto zeigt eine Therapie für Kieferprobleme bei Geigern. Mit einer Wachsplatte wird während des Spielens ein Abdruck vom Gebiss abgenommen und danach eine Entlastungsschiene angefertigt. Der Geiger setzt diese vor dem Spielen auf die unteren Zähne und verhindert so, dass sich der Kiefer nach rechts verschiebt. Auf diese Weise lernt er eine Haltung, die den Kiefer weniger belastet. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Methfessel; Foto: Katja Pinzer-Hennig/Richard-Wagner-Stätten Graupa

Zahnmedizin und Richard Wagner – das passt scheinbar nicht zusammen. Doch verspricht die Synthese beider Themen spannende und ungewöhnliche Einblicke. Die Ausstellung, die vom 19. März bis 14. August 2016 in den Richard-Wagner-Stätten Graupa zu sehen ist, widmet sich beispielsweise der Frage: Was bedeutet es für einen Sänger oder einen Musiker, wenn er seine Zähne verliert?

Götz Methfessel: Herausnehmbare Blashilfen zum Ausgleich eines unregelmäßigen Schneidekantenverlaufs. Wenn die Lippenmuskelkraft eines Bläsers nicht reicht, um den Druck des Mundstücks auf die Schneidezähne abzufangen, kann eine auflageverbessernde Blashilfe den Druck von den mittleren auf die benachbarten Zähne ableiten. Foto: Katja Pinzer-Hennig/Richard-Wagner-Stätten Graupa

Götz Methfessel: Herausnehmbare Blashilfen zum Ausgleich eines unregelmäßigen Schneidekantenverlaufs.
Wenn die Lippenmuskelkraft eines Bläsers nicht reicht, um den Druck des Mundstücks auf die Schneidezähne abzufangen, kann eine auflageverbessernde Blashilfe den Druck von den mittleren auf die benachbarten Zähne ableiten. Foto: Katja Pinzer-Hennig/Richard-Wagner-Stätten Graupa

Darüber hinaus zeigt die Ausstellung, welche Möglichkeiten es gab (und gibt), um zu verhindern, dass Zahndefekte oder auch nur Fehlstellungen zum künstlerischen Aus führten. Für einen Komponisten wie Richard Wagner bedeuteten Zahnprobleme zwar nicht das Ende der Karriere, aber Zahnschmerzen beförderten auch nicht gerade die musikalische Kreativität. Ein guter Zahnarzt war daher sehr wichtig.

Zahnmedizinische Geräte (Foto: Katja Pinzer-Hennig/Richard-Wagner-Stätten Graupa)

Zahnmedizinische Geräte (Foto: Katja Pinzer-Hennig/Richard-Wagner-Stätten Graupa)

Wenn dieser, wie im Falle des aus Amerika stammenden und in Dresden praktizierenden Zahnarztes Dr. Jenkins (siehe auch den Brief Wagners an seinen Zahnarzt), für Wagner noch interessanter Gesprächspartner und Vertrauter war, dann ist dies durchaus bemerkenswert. Dass Wagner seine lang gehegte Idee, nach Amerika auszuwandern, in den 1880er Jahren nicht in die Tat umsetzte, verdankt die europäische Musikwelt eben jenem Dr. Jenkins. Und so gelangte „Parsifal“ auch nicht in Übersee, sondern in Bayreuth zur Uraufführung.

Brief Richard Wagner an Newell Sill Jenkins, geschrieben am 8. September 1880. In diesem Brief erläutert Richard Wagner seine Bedingungen für eine Auswanderung nach Amerika, die dazu geführt hätte, dass seine letzte Oper „Parsifal“ nicht in Bayreuth, sondern in Amerika uraufgeführt worden wäre. Foto: Katja Pinzer-Hennig/Richard-Wagner-Stätten Graupa

Brief Richard Wagner an Newell Sill Jenkins, geschrieben am 8. September 1880. In diesem Brief erläutert Richard Wagner seine Bedingungen für eine Auswanderung nach Amerika, die dazu geführt hätte, dass seine letzte Oper „Parsifal“ nicht in Bayreuth, sondern in Amerika uraufgeführt worden wäre. Foto: Katja Pinzer-Hennig/Richard-Wagner-Stätten Graupa

Hier die Übersetzung:

Lieber, sehr geehrter Herr und Freund!

Es kommt mir so vor, als ob mir sehr bald die Geduld im Betreff meiner Hoffnungen auf Deutschland und seine Zukunft ausgehen, und ich dann bereuen dürfte, den Samen meiner künstlerischen Ideen nicht längst schon einem frucht-bareren und hoffnungsreicheren Boden übergeben zu haben.

Ich halte es nicht für unmöglich, dass ich mich noch entschliesse, mit meiner ganzen Familie und meinem letzten Werke für immer nach Amerika auszuwandern. Da ich nicht mehr jung bin, bedürfte ich hierfür ein sehr bedeutendes Entgegenkommen von jenseits des Oceans.

Es müsste sich dort eine Association bilden, welche mir zu meiner Niederlassung und als einmalige Bezahlung aller meiner Bemühungen ein Vermögen von einer Million Dollars zur Verfügung stellte, deren eine Hälfte auf meine Niederlassung in einem klimatisch vortheilhaft gelegenen Staate der Union, deren andere jedoch als Kapital.Vermögen in einer Staatsbank zu 5 Prozent anlegbar zu verwenden sein würde. Hiermit hätte mich Amerika Europa für alle Zeiten abgekauft. Die Association hätte ferner den Fond für die alljährlich zu veranstaltenden Festspiele zusammenzubringen, mit denen ich allmählich meine sämmtlichen Werke mustergültig zur Aufführung bringen würde: Diese würden alsbald mit der ersten Aufführung meinen neuesten Werkes „Parsifal“ beginnen, welches das bis dahin nirgends anders wo zur Aufführung übergeben würde. Alle künftigen Leistungen meiner Seits, sei es als Leiter von Aufführungen, oder als schöpferischer Künstler, würden, auf Grund des mir übergebenen Vermögens, für alle Zeiten unentgeltlich der amerikanischen Nation angehören.

Mir kam nun in Erinnerung, dass Sie in freundlichem Eifer, bei Ihrem letzten Besuche sich mir erboten, wenn ich eine sogenannte Kunstreise in Amerika machen wollte, meine Geschäfte führen zu wollen. Mögen Sie es nun begreiflich finden, dass ich jetzt auf Sie, und keinen Anderen verfalle, um Ihnen meinen bei weitem durchgreifenderen Gedanken mitzutheilen. Eine blosse Kunstreise, um so und so viel Geld mit Konzertgeben zu verdienen, und dann wieder nach Deutschland zurückzukehren, würde nie meine Sache sein.

Nur eine vollständige Uebersiedlung hätte für mich einen Sinn. –

Wollen Sie gütigst hierüber ein wenig mit sich zu Rath gehen, und falls Ihnen – gut dünkt, Ihre Ansicht mir mittheilen!

Mit grösster Freundschaft
Ihr
hochachtungsvoll ergebener

Richard Wagner

  1. Sept. 1880
    Neapel.-
    Villa Angri
    Posilipo (?)

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Dentalhistorischen Museum Zschadraß und dem Louis-Spohr-Museum Kassel.

Veranstaltungstipp:

Anlässlich des Internationalen Museumstages am 22. Mai 2016 veranstaltet das Museum einen großen Familientag.

Dauerausstellung im Jagdschloss und im Lohengrinhaus

Öffnungszeiten (noch bis zum 31. Oktober 2016):

Dienstag bis Freitag: 11-17 Uhr
Samstag/Sonntag und an Feiertagen: 10-18 Uhr

Besucheradresse:
Richard-Wagner-Stätten Graupa 
Jagdschloss mit multimedialer Ausstellung Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna mbH
Tschaikowskiplatz 7
Am Markt 7
01796 Pirna

Lohengrinhaus
Richard-Wagner-Straße 6
01796 Pirna/ OT Graupa

Der Komponist Richard Wagner und sein Zahnarzt Newell Sill Jenkins

Beide waren Meister ihres Faches. Sie begegneten sich zum ersten Mal im September 1877. Wagners Ehefrau Cosima, die schon länger zum Patientenkreis von Jenkins zählte, rief den hochgepriesenen Zahnarzt nach Bayreuth, damit er ihren Mann von seinem Zahnleiden befreie. Für die Behandlung wollte dieser jedoch kein Geld annehmen, was Wagner, der sich in ständiger Geldnot befand, sehr erfreut haben wird.

Jenkins reiste in den folgenden Jahren mehrmals zu Zahnbehandlungen nach Bayreuth.

Im September 1881 begab sich die Familie Wagner mit den Kindern Eva und Siegfried nach Dresden. Man besuchte Opernaufführungen und einstige Wirkungsorte Wagners, nahm aber auch auf dem Zahnarztstuhl von Dr. Jenkins Platz.

Mehr als ein Arzt-Patienten-Verhältnis

Wagner und Jenkins verband mehr als ein Arzt-Patienten-Verhältnis. Beide waren sich sympathisch. Sie trafen sich in Familie und pflegten einen regen Meinungsaustausch über „alle Dinge, die Menschlichen und die Göttlichen“. Insbesondere die politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland und Amerika wurde diskutiert. Amerika galt in jenen Tagen als das Eldorado auswanderungswilliger Europäer. Spätestens seit 1877 finden sich in Briefen Wagners und in den Tagebuchaufzeichnungen seiner Frau Hinweise auf den Wunsch, nach Amerika auszuwandern. Letztlich hatte Jenkins einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass der „Meister“ diese Pläne aufgab.

Uraufführung von Parsifal

So fand die Uraufführung von Wagners Bühnenweihespiel „Parsifal“ am 26. Juli 1882 in Bayreuth und nicht in Amerika statt. Auf persönliche Einladung des Komponisten gehörte Jenkins zu den Gästen.

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