„Auf den Zahn gefühlt“: Inklusionsausstellung in Kiel

Krokodilen und Elefanten ins Maul fassen – was im Museum sonst tabu ist, gehört hier zum Konzept. In der bundesweit bislang einmaligen Inklusionsausstellung „Auf den Zahn gefühlt“ ist Anfassen ausdrücklich erwünscht.

Berühren erlaubt! Der neunjährigen Minna hat es vor allem der Schädel des Hirschebers angetan. „Ich glaube, der hat hier einen Wackelzahn …“ Foto/Copyright: Raissa Nickel, Uni Kiel

Berühren erlaubt! Der neunjährigen Minna hat es vor allem der Schädel des Hirschebers angetan. „Ich glaube, der hat hier einen Wackelzahn …“
Foto/Copyright: Raissa Nickel, Uni Kiel

Der neue Teil der Dauerausstellung im Zoologischen Museum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) ist für sehende und nicht-sehende Besucherinnen und Besucher gleichermaßen spannend. Am 28. November wurde sie als Pilotprojekt eröffnet und soll jetzt laufend weiterentwickelt werden.

Bundesweit erste Ausstellung für seheingeschränkte und sehende Menschen im Zoologischen Museum

„Wir betreten hiermit Neuland“, begrüßte Museumsleiter Dr. Dirk Brandis die Gäste zur Ausstellungseröffnung. Zum ersten Mal dürfen alle Besucherinnen und Besucher die Objekte nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Händen erfassen und untersuchen. Auf dem Boden weist ein Leitsystem aus Noppen den Weg, Tafeln mit Blindenschrift und Audioaufnahmen erläutern die Zähne, Schädel und Knochen.

„Mit Zähnen verbindet jeder etwas“

„Denn Inklusion im Museum heißt, Originalobjekte allen zugänglich zu machen“, betont Brandis. Das Thema passe dazu bestens: „Mit Zähnen verbindet jeder etwas. Ihre Vielfalt eignet sich außerdem sehr gut, um Inhalte zur Evolution zu darzustellen“, so der Zoologe.

Das Wichtigste in Kürze

Was: Inklusionsausstellung „Auf den Zahn gefühlt“
Wann: Dienstags bis freitags von 9 – 17 Uhr, samstags von 10 – 17 Uhr und sonn- und feiertags von 12 – 16 Uhr (Öffnungszeiten des Zoologischen Museums)
Wo: Zoologisches Museum der CAU, Hegewischstraße 3, 24105 Kiel

Einfallsreich, phantasievoll und zukunftsweisend“

„Diese Ausstellung ist neuartig, einfallsreich, phantasievoll und zukunftsweisend zugleich – in der Art der Herangehensweise an die ausgestellten Objekte, der Anschauung und der Vermittlung für Sehende und Nicht-Sehende“, sagte Anke Spoorendonk, Ministerin für Justiz, Kultur und Europa in ihrem Grußwort zur Eröffnung. Auch Professorin Anja Pistor-Hatam, Vizepräsidentin an der CAU für Studienangelegenheiten, Internationales und Diversität, lobte das Konzept: „Das Zoologische Museum schlägt damit einen neuen Weg der Vermittlung ein. Es zeigt, dass wir Chancengleichheit und Barrierefreiheit ernst nehmen und unterstützt unseren Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechts-konvention.“

Ins Maul gefasst

Besonders bedankte Brandis sich vor den rund 80 Gästen bei Niels Luithardt. Der Physik- und Mathematikstudent hat selbst eine Seheinschränkung und beriet das Zoologische Museum bei der Entwicklung der Ausstellung. „Er hat uns geholfen, unseren Blickwinkel zu ändern. Denn vieles, was für uns Sehende selbstverständlich ist, ist es für Blinde nicht.“ So betonte auch Luithardt: „Es ist etwas anderes, über Krokodile zu hören oder selbst eines zu berühren und so eigene Bilder im Kopf entstehen zu lassen.“

Elefantenzahn in der Hand

Auf einem Rundgang konnten sich alle Eröffnungsgäste, darunter viele Nicht-Sehende, einen eigenen Eindruck von den Objekten verschaffen – von den nur wenige Millimeter großen Zähnen eines Heringshais bis zu den Stoßzähnen eines Elefanten. „Einen Elefantenschädel tatsächlich berühren zu können, bewirkt wirklich etwas. Ich hätte nicht gedacht, wie groß diese Zähne sind!“, zeigte sich Marion Malzahn, Leiterin der Bezirksgruppe Schleswig-Holstein des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf, beeindruckt.

Gelebte Inklusion

„Das hier ist gelebte Inklusion. Von dieser Ausstellung haben alle etwas, Blinde und Sehende.“ Den Mehrwert des Berührens empfindet auch eine sehende Besucherin: „Es ist zuerst eine Überwindung, Objekte in einem Museum zu berühren. Aber was man in der Hand hat, versteht man leichter und behält es besser in Erinnerung.“

Gefördert wurde die Ausstellung vom Ministerium für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holsteins sowie der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der CAU unter Dekanin Professorin Natascha Oppelt und dem ehemaligen Dekan Professor Wolfgang J. Duschl, der als Astrophysiker selbst Inklusionsprojekte entwickelt.

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